Ausmarchung unter Frauen

In Polen wird am Sonntag das Parlament neu bestellt. Die drei wichtigsten Parteien treten mit Frauen an der Spitze an, unter ihnen auch die amtierende Regierungschefin Ewa Kopacz. Die Umfragen deuten auf einen Regierungswechsel hin.

Paul Flückiger
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WARSCHAU Wer ein Lächeln erwartet hatte, sah sich beim Fernsehduell zwischen Regierungschefin Ewa Kopacz und der als künftige Premierministerin gehandelten Beata Szydlo enttäuscht. Steif und beide im dunkelblauen Blazer reichten sich die beiden Spitzenkandidatinnen die Hand und gingen dann zum Angriff über. Kopacz versuchte sich als tatkräftige Landesmutter zu präsentieren, die rechte Oppositionskandidatin Szydlo zeigte viel Herz für die Schwachen. «Mit schönen Statistiken kann keine Mutter eine Suppe kochen», griff sie Kopacz an. Tags darauf massen sich die beiden einsamen Spitzenkandidatinnen – Umfragen geben Szydlos rechtsnationaler Partei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) einen Drittel der Stimmen, Kopaczs rechtsliberaler Bürgerplattform (PO) einen Viertel – mit der freundlich lächelnden Barbara Nowacka von der «Vereinigten Linken». Das Fazit lautete eins zu null für die 40jährige Frauenrechtlerin.

Abgewirtschaftet

Die Wahl am Sonntag wird dem Land gemäss fast allen Umfragen einen Rechtsruck bescheren. Der Grund liegt in Ermüdungserscheinungen der seit acht Jahren regierenden Bürgerplattform. Trotz wirtschaftlicher Erfolge sind die Polen unzufrieden. Schuld daran ist ein Reformstau, der erst in den allerletzten Wochen vor der Wahl aufgebrochen wurde. Dies hat der PO von den meisten Kommentatoren nur noch Häme eingebracht. Viele sahen sich in der Annahme bestätigt, dass die vom heutigen EU-Ratspräsidenten Donald Tusk vor über zehn Jahren gegründete liberale Sammelbewegung nur noch für die Meinungsumfragen regiert, die ihr wichtiger geworden sind als das Wohl des Landes.

Dagegen stellte die von Jaroslaw Kaczynski geleitete PiS wie bereits 2005 ein von christlicher Ethik inspiriertes soziales Gewissen, das sich freilich nur auf Polen, nicht auf Flüchtlinge erstreckt.

Der Regierungspartei hat auch die überraschende Niederlage Bronislaw Komorowskis in den Präsidentenwahlen geschadet sowie die Abhöraffäre vom Sommer 2014. In beiden Fernsehdebatten versuchte die vor Jahresfrist von Tusk zu seiner Nachfolgerin erkorene Ewa Kopacz mit der Angst vor der PiS und ihrer Unberechenbarkeit zu spielen. «Wenn die Staatskasse geplündert wird, können auch keine Renten mehr ausgezahlt werden», warnte sie. Doch die Angstmacherei wirkt acht Jahre nach der Abwahl von PiS kaum mehr.

Partei aufgefrischt

Dies ist das Verdienst von Beata Szydlo. Die 52jährige Ethnologin und Kulturmanagerin mag kein gewinnendes Lächeln auf ihre Lippen zaubern können, doch hat sie das Gesicht der PiS aufgehellt. Die Kürung durch Parteichef Jaroslaw Kaczynski, dessen Zwillingsbruder Lech 2010 mit dem Flugzeug abstürzte, dürfte sich als dessen bisher genialster Schachzug erweisen. Die frühere Bürgermeisterin der südpolnischen Grubenstadt Brzeszcze sitzt zwar seit zehn Jahren im Parlament, war aber lange kaum aufgefallen. Dies auch deshalb, weil sie immer zu den gemässigteren PiS-Abgeordneten gehörte, denen rechtskatholisches Sektierertum fern liegen. Bekannt wurde Szydlo erst als Wahlkampfstabsleiterin für Andrzej Duda. Aus dem ebenfalls kaum bekannten Europaparlamentarier machte sie im Mai den jungen, strahlen Gewinner der Präsidentenwahlen.

Trotz guter Leistungen am Ende

Einen guten Leistungsausweis kann auch die 59jährige Regierungschefin Ewa Kopacz vorweisen. Ausdauernd, fleissig und loyal, so wie sie zuvor drei Jahre immer an Tusks Seite war, hat die ausgebildeten Kinderärztin die Partei nach dem Abhörskandal wieder auf die Zielgerade gebracht. Dass ihr am Ende ein paar Stimmenprozente zum erneuten Wahlsieg fehlen dürften, ist nicht ihre Schuld, sondern vor allem die ihrer männlichen Parteigenossen.

Als Retterin der Linken dürfte sich Barbara Nowacka erweisen. Erst in letzter Minute konnte sich diese zu einem Bündnis mit der linksliberalen Palikot-Bewegung und den Grünen überwinden. Doch auch die weit links der Mitte politisierende Nowacka, die für das Recht auf Abtreibung und Homo-Ehen kämpft, war bisher keine bekannte Politikerin. Ohne Unterstützung des postkommunistischen Altherrenclubs um Ex-Premier Leszek Miller hätte es sie nie auf den Spitzenplatz gebracht.