Ausland
Vor dem Match zwischen Italien und der Schweiz: Italien ist in doppelter Hinsicht zuversichtlich

Nach dem klaren Sieg im Auftaktspiel gegen die Türkei sprühen die Tifosi vor der Partie gegen die Schweiz im Römer Olympiastadion vor Zuversicht – sowohl in fussballerischer Hinsicht, aber auch ganz generell.

Dominik Straub, Rom
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Nach dem 3:0 über die Türkei feierte man in Italien wie in den guten alten Zeiten.

Nach dem 3:0 über die Türkei feierte man in Italien wie in den guten alten Zeiten.

Sicher: Es gibt auch im Land des «Calcio» unverbesserliche Fussballmuffel, zum Beispiel den 59-jährigen Sergio. «Wegen einem 3:0-Sieg gegen die Türkei soll nun in Italien alles plötzlich zum Besten stehen? Keine Wirtschaftskrise mehr, keine Arbeitslosen, keine Pandemie?» Der Lido-Betreiber am Strand von Sperlonga hundert Kilometer südöstlich von Rom schüttelt den Kopf: «Fussball ist doch das, was für die Cäsaren vor 2000 Jahren im Kolosseum ‹Brot und Spiele› waren: Ablenkung und Verblödung. Wir Italiener ändern uns eben in Tausenden von Jahren nicht», sagt Sergio, der normalerweise, wenn sich der Rest des Landes nicht gerade wegen einer EM im Fussballfieber befindet, grundsätzlich ein lebensbejahender und optimistischer Zeitgenosse ist.

Aber der Rest Italiens ist eben seit dem vergangenen Freitag und dem 3:0 gegen die Türken trunken vor Fussballeuphorie. Das ist auch kein Wunder: Mit dem Sieg im Auftaktspiel sind für Italien praktisch zeitgleich zwei Albträume auf einmal zu Ende gegangen.

Die Schmach von 2017 und die WM 2018 vor dem Fernseher

Einerseits konnte die stark aufspielende Squadra von Trainer Roberto Mancini die Schmach der Nicht-Qualifikation für die WM-Endrunde in Russland 2018 vergessen machen: Das Ausscheiden in der Barrage gegen die Schweden im November 2017 war vom damaligen italienischen Verbandspräsidenten Carlo Tavecchio als «Apokalypse» bezeichnet worden - eine ziemlich zutreffende Umschreibung für die erlittene nationale Demütigung. Der vierfache Weltmeister musste in der Folge, erstmals nach 60 Jahren, eine WM-Endrunde am Fernseher mitverfolgen.

Und der Anfang vom Ende der Pandemie

Andererseits fällt die EM zusammen mit weitreichenden Lockerungen der Schutzmassnahmen gegen die Covid-Pandemie: Seit gestern Montag sind auch die Regionen Latium, Lombardei und Piemonte wieder «weisse Zonen», also niedrigste Gefahrenstufe. In weissen Regionen leben inzwischen 40 der 60 Millionen Italiener: Nach fast 130'000 Toten erlebt Italien endlich wieder so etwas wie Normalität und Unbeschwertheit - und da kommt die Fussball-EM gerade richtig: Nach dem Sieg gegen die Türkei feierten die Tifosi wie in den guten alten Zeiten mit hupenden Autokorsos und einem Sprung in die Brunnen.

Der Sieg im ersten Spiel hat die Tifosi mit viel Zuversicht erfüllt: Weil die meisten Italiener abergläubisch sind, mag zwar noch kaum jemand laut von einem möglichen Gewinn des EM-Titels reden - aber dass die Azzurri die Vorrunde überstehen werden, gilt als ausgemachte Sache. Zur Erreichung dieses Ziels müssen nun die beiden nächsten Gegner, die Schweizer und die Waliser, noch ein paar Pünktchen beisteuern, am besten alle sechs. Vor der Schweizer Mannschaft haben die Tifosi durchaus Respekt, und vor allem bei den Fans von Lazio Rom ist Trainer Vladimir Petković noch in positiver Erinnerung: Vor seiner Berufung zum Schweizer Nationaltrainer hatte Petković den Hauptstadt-Verein gecoacht und mit ihm den Cup gewonnen.

Ausgerechnet die Schweizer sollen diese Serie brechen?

Das ändert aber nichts daran, dass im Spiel gegen die Schweiz von den Azzurri allgemein ein Sieg erwartet wird. Die Zuversicht hat viel mit der ausgezeichneten Arbeit von Trainer Roberto Mancini zu tun, der schon in der Qualifikation zur EM mit seinen Spielern durchmarschiert war: 10 Spiele, 10 Siege, 37 erzielte Tore. Nach dem Sieg gegen die Türken sind die Azzurri inzwischen seit 28 Partien ungeschlagen und haben in den letzten 9 Spielen kein Tor mehr kassiert.

Die einzige Frage, die sich jetzt noch stellt, besteht darin, wie sich die Italiener im weiteren Verlauf des Turniers gegen fussballerische Grossmächte wie Frankreich, Deutschland, Spanien oder England schlagen werden. In der EM-Qualifikation hatten die Gegner Finnland, Liechtenstein, Griechenland, Armenien und Bosnien-Herzegowina geheissen.

«Bello e impossibile» – Mancio hat es möglich gemacht

Roberto Mancini.

Roberto Mancini.

Ettore Ferrari/Keystone

Der stets elegant gekleidete 56-jährige Roberto Mancini, der seit ein paar Monaten für das italienischen Luxus-Modelabel «Paul&Shark» modelt, hatte die völlig demoralisierte Mannschaft im Mai 2018 übernommen und auf zahlreichen Positionen umbesetzt und verjüngt. «Mancio», wie der ehemalige Mittelfeld- und Nationalspieler in Italien genannt wird, lässt einen modernen, offensiven Fussball spielen, der auf Ballbesitz und frühes Pressing setzt - «bella e impossibile» nannte die «Gazzetta dello Sport» die Squadra Azzurra und ihre Spielweise in Anlehnung an einen alten Hit von Gianna Nannini - «schön und unmöglich».

Wieder einmal ein «Risorgimento» mit zwei Architekten

Einen eigentlichen Team-Leader sucht man in Mancinis Mannschaft vergeblich: Nach der Apokalypse gegen Schweden zählt für den Trainer alleine das Team, das Zusammenspiel, das gemeinsame Projekt. Die Azzurri sind damit das Abbild dessen, was sich in Italien auch auf politischer Ebene abgespielt hat: Der Schrecken der Pandemie, die Apokalypse von Bergamo und anderen Städten Norditaliens hatte im Februar dieses Jahres zur Bildung der Regierung der nationalen Einheit unter Mario Draghi geführt. Einzel- und Parteiinteressen haben seither keinen Platz mehr. Dank Draghi steht Italien kurz davor, die Pandemie hinter sich zu lassen. An der EM ist es nun an Mancini und seiner Squadra, das Projekt der nationalen Wiederauferstehung, der Befreiung aus zwei Alpträumen, zu vollenden