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Reportage aus dem grössten Slum Europas: Ausgebeutet auf Italiens Zitrusfeldern

Seit Jahren werden auf Plantagen in Süditalien afrikanische Immigranten wie moderne Sklaven gehalten. Ein Besuch im Ghetto von San Ferdinando, dem grössten Slum Europas.
Dominik Straub, San Ferdinando
Drame Madiheri steht vor der «Baulücke» im Slum von San Ferdinando, wo seine Kollegin Becky Moses im Januar bei lebendigem Leib verbrannt ist. (Bild: Dominik Straub)

Drame Madiheri steht vor der «Baulücke» im Slum von San Ferdinando, wo seine Kollegin Becky Moses im Januar bei lebendigem Leib verbrannt ist. (Bild: Dominik Straub)

Drame Madiheri zeigt auf einen unfertigen Bretterverschlag aus Holzpfählen und einigen rostigen Wellblechen. «Hier wollten Soumaila Sacko und zwei Freunde ihre neue Hütte bauen», sagt der 38-Jährige aus Mali. Die Behausung ist nie fertig geworden. Am 2. Juni ist Soumaila Sacko von einer Kugel in den Kopf getroffen worden, als er in einem seit zehn Jahren verlassenen Fabrikareal nach Baumaterial und Blechen für seine Baracke suchte. Seine beiden Freunde wurden verletzt. Wie Drame war Soumaila Mitglied der Basisgewerkschaft USB, die sich für die Rechte der Migranten einsetzt. Als mutmasslicher Täter wurde einige Tage später ein Einheimischer verhaftet, der aus etwa 70 Metern Distanz auf die drei schwarzen Immi­granten geschossen hatte.

Soumaila war nicht der erste Tote in diesem Jahr im Camp: Ende Januar dieses Jahres war bei einem Grossbrand die 26-jährige Nigerianerin Becky Moses bei lebendigem Leib verbrannt; Hunderte andere Bewohner des Slums verloren ihr Obdach und ihre wenigen Habseligkeiten. Drame hatte auch Becky gekannt und zeigt auf die Stelle, wo sie ihr Leben verlor. Die Bewohner haben an der Stelle, auf der ihre Hütte stand, zu ihrem Andenken im Lager eine Lücke gelassen. «Sie kam nicht mehr rechtzeitig heraus, überall war Feuer und Rauch», sagt Drame. Die Migranten hätten nach dem Grossbrand Angst gehabt, ihre Baracken wieder mit den brandgefährlichen Plastik­planen zu bauen. «Deshalb haben Soumaila und seine Freunde Wellbleche gesammelt.»

Ernten bei jedem Wetter, sieben Tage die Woche

Der 29-jährige Soumaila stammte wie Drame aus Mali. «Wir waren wie Brüder», sagt Drame. Ihr Zuhause war das Immigranten-Ghetto von San Ferdinando in der Ebene von Gioia Tauro in Kalabrien. Die «baraccopoli», wie die Barackenstadt genannt wird, ist eine Ansammlung von selbstgebauten, windschiefen Verschlägen aus Holz, Plastikplanen und Wellblechen auf freiem Acker in einem öden Industriegebiet zwischen San Ferdinando und dem etwas grösseren Rosarno. Die Wege zwischen den Hütten bestehen aus festgetretener Erde; bei Regen werden sie zu Schlamm. Trinkwasser, Strom oder Toiletten gibt es nicht. Gekocht und geheizt wird mit Holzöfen; ihre Notdurft müssen die Bewohner auf dem nahegelegenen Feld verrichten.

Die Ebene von Gioia Tauro ist eines der wichtigsten Anbaugebiete für Zitrusfrüchte Italiens; zur Erntezeit zwischen Dezember und März leben in der «ba­racco­poli» bis zu 3500 Menschen. Das Camp von San Ferdinando wird dann jeweils zum grössten Slum Europas. Die meisten der Bewohner stammen aus Afrika; praktisch alle arbeiten auf den rund 400 Plantagen der Ebene als Erntehelfer. Sie werden dabei als eine Art moderne Sklaven schamlos ausgebeutet. «Wir bekommen etwa 25 Euro pro Tag, wobei wir normalerweise 9, manchmal aber auch bis zu 14 Stunden arbeiten, bei jedem Wetter, oft sieben Tage pro Woche», sagt Drame.

Die Ebene von Gioia Tauro ist auch eine Hochburg der ’Ndrangheta, der gefährlichsten Mafia-Organisation des Landes. Sie verdient bei der Ausbeutung der Erntesklaven kräftig mit: Zum einen fordern ihre «Arbeitsvermittler», die sogenannten «caporali», für ihre Dienste von den Migranten eine Kommission von etwa 5 Euro pro Tag. Zum anderen befinden sich auch etliche Plantagen im Besitz der Mafia oder ihrer Strohmänner – und die anderen bezahlen Schutzgeld. Auch der Transport und der Handel mit den Zitrusfrüchten wird teilweise von der ’Ndrangheta kontrolliert.

Systematische Ausbeutung

Die Erntehelfer pflücken hauptsächlich Mandarinen, Orangen und Kiwi, mitunter auch Oliven. Eine harte Arbeit: Die gefüllten Kisten wiegen bis zu 50 Kilogramm; viele der Migranten haben chronische Rückenleiden. Immer wieder sterben afrikanische Landarbeiter an Erschöpfung oder an Infektionskrankheiten – oder sie werden von Traktoren überfahren oder nehmen sich aus Verzweiflung das Leben. Die Hilfsorganisation Medici per i Diritti Umani (Ärzte für Menschenrechte), die in Rosarno einen Stützpunkt unterhält, bezeichnet die sozialen und hygienischen Zustände und die Arbeitsbedingungen als «dramatisch».

Drame war vor fünf Jahren mit einem Flüchtlingsboot nach Lampedusa gekommen und von dort auf das italienische Festland gebracht worden. «In Mali arbeitete ich fünfzehn Jahre lang für eine französische Firma als Chauffeur. Dann kam der Krieg, und ich flüchtete nach Libyen», erzählt der 38-Jährige. In Libyen habe er als Ziegenhirt gearbeitet – bis ihn sein Chef zu Unrecht beschuldigt habe, eine seiner 160 Ziegen gestohlen zu haben. Der Chef habe nach seinem Leben getrachtet; ein Freund habe ihm schliesslich die Überfahrt nach Europa organisiert. Seit 2016 lebt Drame im Slum von San Ferdinando. Sein Asylgesuch in Italien ist abgelehnt worden, ebenso der Rekurs. Nun wartet er auf den endgültigen Bescheid.

Obwohl über 80 Prozent der Erntesklaven von San Ferdinando über eine reguläre Aufenthaltsbewilligung verfügen, werden die meisten entweder schwarz oder mit gefälschten Arbeitsverträgen angestellt. Sie sind den Plantagenbesitzern und den «caporali» völlig ausgeliefert. «Wenn die Migranten die Bedingungen nicht akzeptieren, erhalten sie keine Arbeit. Und ohne Arbeit droht ihnen der Verlust der Aufenthaltsbewil­ligung», sagt Aboubakar Sou­mahoro, ein Führer der Ge­werkschaft USB. «Die Verträge werden zu einem Mittel der Erpressung, welches die systematische Ausbeutung und Entrechtung der Arbeiter erst ermöglicht.» Die staatlichen Kontrollen seien viel zu sporadisch – und oft werde lediglich kontrolliert, ob die Aufenthaltsgenehmigung der Migranten in Ordnung sei, sagt Drame.

Treibjagd auf Afrikaner

«In Rosarno treffen alle Übel der Moderne zusammen: Armut, Flucht, Ausgrenzung, Ausbeutung, Mafia», sagt die Anthropologin Chiara Tommasello aus Reggio Calabria, welche die Zustände im Lager von San Ferdinando während zehn Monaten vor Ort studiert hat. Sie war nach dem Aufstand im Jahr 2010 nach Rosarno gekommen. Damals hatten die Migranten gegen ihre unwürdigen Lebens- und Arbeits­bedingungen revoltiert – und anschliessend hatten mehrere hundert Einwohner der Kleinstadt, angestachelt von den heimischen ’Ndrangheta-Clans, Treibjagden auf die Afrikaner veranstaltet. Es gab Dutzende Verletzte. «Die Zustände in der Barackenstadt haben sich seit dem Aufstand nicht verbessert, im Gegenteil», sagt Tommasello.

Arbeiter demonstrieren in Neapel nach der Ermordung von Soumayla Sackko. (Bild: Salvatore Laporta/Getty)

Arbeiter demonstrieren in Neapel nach der Ermordung von Soumayla Sackko. (Bild: Salvatore Laporta/Getty)

Auch die Stimmung gegenüber den Migranten ist feindseliger geworden in Rosarno und San Ferdinando. Anfang Jahr wurde eine Jugendbande festgenommen, welche die Migranten vom Auto aus mit Luftgewehren beschossen und mit Schlagstöcken geprügelt hatten. In den sozialen Netzwerken hat der Mord an Soumaila viel Beifall erhalten.

Die rassistischen Aggressionen würden oft mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen Kalabriens gerechtfertigt, sagt Chiara Tommasello: «Die Leute fühlen sich hier – objektiv nicht zu Unrecht – vom italienischen Staat vernachlässigt, benachteiligt, vergessen.» In Bezug auf die Gewalt und Diskriminierung gegenüber den Migranten sei dies natürlich eine Ausrede – aber für die Rechtspopulisten sei es angesichts der objektiven Probleme Kalabriens ein Leichtes, die Migranten für alle Übel verantwortlich und Stimmung gegen sie zu machen.

«Krieg der Armen»

Verantwortlich gemacht werden die Migranten insbesondere für den Zerfall der Löhne der einheimischen Landarbeiter und Erntehelfer. «Schon in den ersten Tagen nach meiner Wahl kamen die italienischen Landarbeiter zu mir und beklagten sich, dass sich seit der Ankunft der Migranten ihre Löhne halbiert hätten», sagt der frühere kommunistische Bürgermeister von Rosarno, Giuseppe Lavorato. Der Lohnzerfall sei zwar eine Tatsache, doch das wahre Problem sei der Zusammenbruch der Orangen- und Mandarinenpreise im Zuge der Globalisierung gewesen. «Selbst diejenigen Plantagenbesitzer, die es gewollt hätten, konnten keine höheren Löhne mehr bezahlen. Ohne die Migranten wären die Orangen an den Bäumen verfault», sagt Lavorato.

Der 80-Jährige spricht von einem «Krieg der Armen» – einem Krieg der verarmten einheimischen Landbevölkerung ge­gen die noch ärmeren Migranten. Heute erhält ein kalabrischer Orangenproduzent nur 6 bis 7 Cent für ein Kilo – ungefähr so viel kosten auch die Orangen, die aus Nordafrika und Brasilien importiert werden. Den offiziellen Tariflohn von 45 bis 50 Euro pro Tag und reguläre Arbeitsverträge kann sich bei diesen Preisen kein Betrieb mehr leisten. Laut dem italienischen Journalisten und Buchautor Antonello Mangano, der zahlreiche Recherchen zur modernen Sklaverei in Süditalien publiziert hat, sind es heute vor allem die Grossverteiler in den Ländern nördlich Italiens, die eine grosse Marktmacht hätten und massiv die Preise drückten.

Die Schuld an dieser Entwicklung tragen in den Augen vieler Einheimischer aber nicht die Grossverteiler oder die Mafia, sondern die Migranten. «Hinzu kommt ein latenter und zunehmend auch offener Rassismus in Italien, der kulturell geprägt ist und viel mit Unwissen über die Zustände in Afrika zu tun hat», sagt Chiara Tommasello. Viele Italiener hätten von Afrika noch das Bild, das von den katholischen Missionaren vermittelt worden sei: ein Kontinent ohne Kultur, heimgesucht von Hungersnöten und Staatsstreichen skrupelloser Despoten. Der latente Rassismus ist laut der Ethnologin auch mit ein Grund, warum der italienische Staat und die italienische Gesellschaft die menschenunwürdigen Zustände in dem Lager gleichgültig hinnehmen würden – nach dem Motto: Die Schwarzen seien das ja von zu Hause gewohnt.

Scharfe Töne aus Rom

Tatsächlich rührt der Staat seit Jahren praktisch keinen Finger, um die skandalöse Situation der Erntesklaven zu verbessern. Zwar hat das Innenministerium im August 2017 bereits zum dritten Mal ein kleines Zeltlager errichten lassen. In diesem haben aber nur 500 Personen Platz gefunden – und inzwischen sind die Zelte und Container so heruntergekommen, dass kaum noch in ihnen gelebt werden kann. «In den Erdbebengebieten sind die Zeltstädte eine vorübergehende Notmassnahme. Bei uns ist die Notlage ein Dauerzustand», sagt Drame. «Wir würden gerne Wohnungen mieten, in dieser Misere wohnt niemand gerne.» Tatsächlich stehen in der Gegend Zehntausende Wohnungen leer. «Es hätte Platz für alle. Aber die Einheimischen wollen uns Schwarzen die Wohnungen nicht geben. Oder sie verlangen 600 Euro im Monat – das kann sich hier niemand leisten.»

Vom Staat haben die Erntesklaven keine Hilfe zu erwarten – unter der neuen Regierung mit dem rechten Scharfmacher Matteo Salvini im Innenministerium schon gar nicht. Salvini hat das Lager, begleitet von einem Tross von Kameraleuten, im Juli zwar einmal für einige Minuten besucht – aber nur um den Migranten mitzuteilen, dass für ihn die armen Italiener Vorrang geniessen. Seine Haltung zu den Flüchtlingen und Immigranten hatte er nach seiner Vereidigung zum Innenminister so beschrieben: «La pacchia è finita – das süsse Leben ist vorbei.»

Die Erntesklaven von San Ferdinando haben aber alles andere als ein süsses Leben. Und dasjenige von Soumaila Sacko war am 2. Juni, dem italienischen Nationalfeiertag, ganz vorbei.

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