Aus der Zelle ins noble Landhaus

Julian Assange ist auf freiem Fuss. Duncan Ouseley, Richter am obersten Londoner Gericht, befindet: «Er hat sich nicht wie ein Mensch verhalten, der sich der Justiz entziehen will.» Über eine mögliche Auslieferung des Wikileaks-Gründers an Schweden wird erst im Februar verhandelt.

Sebastian Borger
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London. Wikileaks-Gründer Julian Assange kann in Freiheit Weihnachten feiern. Der Oberste Gerichtshof in London bestätigte gestern die Entscheidung der Erstinstanz und gewährte dem 39-Jährigen Haftverschonung.

Über das Auslieferungsverfahren nach Schweden, wo zwei Frauen Vergewaltigungsvorwürfe erhoben haben, soll im Februar verhandelt werden. «Wir sind total begeistert», sagte Assanges Anwalt Mark Stephens und prangerte den «schwedischen Rachefeldzug» an.

«Will sich nicht entziehen»

Assange hatte sich vergangene Woche der Polizei gestellt, nachdem Stockholm eine korrigierte Version des zunächst fehlerhaft ausgestellten Europäischen Haftbefehls übermittelt hatte. Seither sass der Geheimnis-Verächter in Auslieferungshaft, was Richter Duncan Ouseley gestern scharf kritisierte. Assange habe sich «nicht wie ein Mensch verhalten, der sich der Justiz entziehen will».

Richter Ouseley wischte die Einwände der britischen Strafverfolger gegen die Haftverschonung vom Tisch und legte Grossbritannien auch alle Kosten auf. Das dürfte den Wikileaks-Boss erleichtern, der nach Angaben von Unterstützern mittellos ist.

Prominente zahlen Kaution

Freilich haben eine Anzahl prominenter Unterstützer von Menschenrechts-Lobbyistin Bianca Jagger über Autor Tariq Ali bis hin zu Filmemacher Michael Moore binnen zwei Tagen die hohe Kaution von insgesamt 240 000 Pfund gestellt. Sie dürften auch dafür sorgen, dass es Assange auf dem Landsitz seines Londoner Unterstützers Vaughan Smith in der Grafschaft Suffolk an nichts fehlt.

Er stehe als «sicherer» Gastgeber für den Wikileaks-Gründer zur Verfügung, hatte Vaughan Smith, 47, dem Londoner Gericht versichert. Die nächste Polizeistation, wo der Australier sich täglich melden muss, sei nur 15 Radminuten entfernt von seinem Landsitz; zudem würden seine Bediensteten Assange im Auge behalten und «mir berichten». Obendrein muss er auch auf dem Anwesen seines Gastgebers eine elektronische Fussfessel tragen.

Komfortable «Halbfreiheit»

Ansonsten aber ist das neue Domizil des Wikileaks-Gründers wesentlich komfortabler als die Zelle im grössten Gefängnis Grossbritanniens, die er bisher bewohnen musste.

Das aus dem 18. Jahrhundert stammende «Ellingham Hall» in der ostenglischen Grafschaft Suffolk zählt zu jenen Landhäusern, in denen es sich die britische Oberschicht seit Jahrhunderten gutgehen lässt: zehn Schlafzimmer, rund 250 Hektar Grund, vor allem aber ländliche Isolation. Ein wenig Privatsphäre dürfte dem Prediger der digitalen Offenheit willkommen sein und auch gut tun. Dennoch muss sich Assange in dieser «Halbfreiheit» auch seiner Verteidigung gegen die mögliche Auslieferung nach Schweden widmen, wo ihm Sexualdelikte zur Last gelegt werden.

Lagerfeuer und Geschichten

Gastgeber Vaughan Smith, 47, ist nicht nur ein finanzieller Unterstützer Assanges. Dieser plante die Veröffentlichung der gestohlenen US-Akten wochenlang vom Londoner «Frontline» Club aus, den Smith vor sieben Jahren gegründet hatte. Der Treffpunkt für Kriegsreporter und Auslandskorrespondenten soll laut Smith «ein Lagerfeuer sein, an dem man sitzen und sich Geschichten erzählen kann». Smith selber trägt zu dieser Atmosphäre bei. In einer Schatulle ist im Club unter anderem Smiths zerschossenes Mobiltelefon zu besichtigen – Andenken an einen Einsatz in Serbien im Vorfeld des Kosovo-Krieges 1998.

In der Familie von Henry Vaughan Smith hat Militär und Krieg Tradition. Sein Vater war Oberst im Eliteregiment der Gardegrenadiere gewesen. Zunächst trat Smith in dessen Fussstapfen. Dann aber verliess er die britische Armee nach wenigen Jahren als Hauptmann und begann eine Karriere als Kriegsberichterstatter.

Gegenüber der Zeitung «Independent» hatte Smith Assange vor dessen Verhaftung gelobt: «Er gibt einem das Gefühl, wichtig zu sein.»

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