Aus dem Schatten Camerons getreten

Im britischen Wahlkampf gewinnt der Labour-Chef Edward Miliband zunehmend an Statur gegenüber dem konservativen Premier Davis Cameron. Aus der Fernsehdebatte der britischen Oppositionsparteien ist er klar als Sieger hervorgegangen.

Sebastian Borger
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Edward Miliband (links) dominierte die TV-Debatte der Opposition. (Bild: epa)

Edward Miliband (links) dominierte die TV-Debatte der Opposition. (Bild: epa)

LONDON. Am Ende der Fernsehdebatte der britischen Oppositionsparteien hat Edward Miliband an die Adresse von Premierminister Cameron in die Kamera gesprochen: «David, wenn Sie finden, dass es in dieser Wahl um Führungsstärke geht, dann sollten Sie darüber mit mir debattieren.»

Kämpfer und Staatsmann

Ähnliche Appelle hatte der Oppositionsführer auch im Unterhaus immer wieder vorgetragen. Was dort immer ein wenig verzweifelt klang, erhielt drei Wochen nach der Auflösung des Parlaments neue Bedeutung. Zur Halbzeit der heissen Phase des Wahlkampfes hat Miliband erheblich an Statur gewonnen. Seine Partei steht mit eiserner Disziplin hinter ihm, vom linken Londoner Ex-Bürgermeister Ken Livingstone bis zu Ex-Premier Tony Blair.

Der 45-Jährige selbst, dem das Image eines etwas linkischen Geeks vorauseilt, wirkt vom Wahlkampf wie belebt – als sei er aus dem Schatten des Amtsinhabers getreten. In Reden und TV-Auftritten gelingt dem hochgewachsenen Mann mit der näselnden Stimme und der zerknautschten Boxernase die richtige Mischung aus hungrigem Strassenkämpfer und glaubwürdigem Staatsmann. Nach jahrelang verheerenden Popularitätswerten ermitteln die Demoskopen erstmals positive Werte für ihn. Aus dem 90minütigen Fernsehstreit mit zwei Nationalistinnen, dem Rechtspopulisten Nigel Farage und der grünen Spitzenkandidatin ging Miliband als Sieger hervor.

Der Unterschätzte

Bei aller Freude der Briten an kleineren Parteien – den Konservativen David Cameron kann nur Labour-Chef Miliband ablösen. Was in anderen Industrienationen längst zum politischen Alltag gehört, das Duell der beiden Anwärter auf den Chefposten, hat Cameron deshalb bisher standhaft verweigert. Man wolle dem schwachen Labour-Mann kein Podium für einen staatsmännischen Auftritt bieten, hiess es dazu bei den Torys. Es könnte sein, dass der Premierminister und sein australischer Chefberater Lynton Crosby den Herausforderer unterschätzt haben? Doch damit befänden sie sich in bester Gesellschaft.

Auch Edwards älterer Bruder David hatte den vier Jahre Jüngeren nicht so recht ernst genommen, als es 2010 um die Nachfolge des abgewählten Premiers Gordon Brown im Amt des Labour-Chefs ging. Der ältere Miliband, als Gefolgsmann Blairs und früherer Aussenminister bekannt, genoss die mehrheitliche Zustimmung der Parlamentsfraktion und der Parteimitglieder.

Weil aber auch Millionen von Gewerkschaftsmitgliedern über den neuen Labour-Chef abstimmen durften, ging Edward ganz knapp vor David ins Ziel.

Entschlossen und brutal

Der politische Brudermord ging Edward lange nach. Jahrelang verging kein Interview, in dem er sich nicht dafür rechtfertigen musste: Das sei «schwer gewesen», räumt er ein. David sei noch immer tief verletzt. Freilich demonstrierte der Coup auch Entschlossenheit und Brutalität, – Charaktereigenschaften, die bei Anwärtern für politische Spitzenämter nicht unbedingt hinderlich sind. Die innerparteilichen Zweifel scheinen inzwischen vergessen zu sein.

Als Sohn jüdischer Flüchtlinge vor den Nazis geboren, wuchs Edward Miliband in einem politischen Haushalt auf, absolvierte das Politik-Studium in Oxford und Harvard, wurde Mitarbeiter des damaligen Finanzministers Gordon Brown und zog 2005 ins Parlament ein. Zwei Jahre später war er bereits Kabinettsmitglied, die Parteiführung übernahm er mit gerade mal 40 Jahren.