Aufstand von Italiens Frauen

In 230 Städten haben gestern Hunderttausende Frauen gegen Premier Berlusconi protestiert. Dessen Sexskandale haben eine überfällige Diskussion über das öffentliche Frauenbild ausgelöst.

Dominik Straub
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Proteste von Frauen gegen Premier Berlusconi in Mailand. (Bild: ap/Luca Bruno)

Proteste von Frauen gegen Premier Berlusconi in Mailand. (Bild: ap/Luca Bruno)

Rom. «Ich möchte, dass man in Italien das Wort Minderjährige wieder mit Studium und Zukunft in Verbindung bringt, und dass man, wenn man von Sex spricht, nicht mehr an politische Ämter denkt.» Das rief Gewerkschaftsführerin Susanna Camusso auf die überfüllte Piazza del Popolo in Rom. Allein in der Hauptstadt hatten sich weit über hunderttausend Menschen zur Kundgebung gegen Silvio Berlusconi versammelt, darunter wohl fast die Hälfte Männer. Auf vielen Transparenten stand: «Italien ist kein Bordell.»

Zu den landesweiten Kundgebungen hatte ein überparteiliches Komitee aus Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, Wissenschafterinnen und Frauenorganisationen aufgerufen. Der Protest stand unter dem Motto: «Wenn nicht heute, wann dann?» Solidaritätskundgebungen gab es auch in 30 anderen europäischen Städten.

«Die Frau als nackter Körper»

Das Geschlechtermodell, das einer der höchsten Amtsträger des Landes vorlebe, verletze die Würde der Frauen und der Institutionen, betonten die Organisatorinnen. Viele Frauen engagierten sich im öffentlichen Leben – «doch dieses reichhaltige und variantenreiche Engagement wird durch die wiederholte, unanständige und plakative Darstellung der Frau als nackter Körper und Objekt sexueller Tauschgeschäfte zunichte gemacht». Wer zum Gebaren des Premiers weiter schweige, mache sich zur Komplizin, sagte die rechtsbürgerliche Parlamentarierin Giulia Bongiorno.

Reservat für Machos

Die schlüpfrigen privaten Parties von Berlusconi, zu denen jeweils Dutzende junge TV-Sternchen und Prostituierte eingeladen wurden, haben zumindest einen positiven Effekt: Italien diskutiert wieder ausgiebig über die Rolle und das Bild der Frau in der Öffentlichkeit. Zeitungen wie der konservative «Corriere della Sera» oder die linksliberale «Repubblica» drucken seit Wochen täglich Sonderseiten, auf denen Frauen mit unterschiedlichstem Hintergrund zu Wort kommen.

Die Diskussion ist überfällig: Italien, das noch in den 70er-Jahren eine starke Frauenbewegung kannte, ist in den letzten Jahren – nicht zuletzt unter dem Einfluss von Berlusconis Privat-TV-Sendern – zu einem europaweit fast einzigartigen Reservat für Machos geworden. In keinem anderen EU-Land ist Werbung derart sexistisch, nirgends bevölkern halbnackte Frauen derart selbstverständlich als reine Dekorationsobjekte die TV-Studios. Nur punkto Bildung stehen Italiens Frauen im Geschlechtervergleich besser da – was ihnen aber nichts nützt, weil Führungspositionen praktisch immer an Männer gehen.