Aufregung um ein Satire-Video

Zeigt Griechenlands Finanzminister Deutschland den «Stinkefinger». Oder doch nicht? Die Nation streitet über die Echtheit eines Videos.

Christoph Reichmuth
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Yannis Varoufakis Griechischer Finanzminister (Bild: ap)

Yannis Varoufakis Griechischer Finanzminister (Bild: ap)

BERLIN. Knapp 10 Minuten dauert das Filmchen, es hat gereicht, um in Deutschland und Griechenland mächtige Aufregung auszulösen: Der Kabarettist Jan Böhmermann hat in der ZDF-Sendung «Neo Magazin Royale» behauptet, einen Film über Yannis Varoufakis so manipuliert zu haben, dass der griechische Finanzminister in einem Satz über Deutschland den «Stinkefinger» zeigt. In Wahrheit aber habe der umstrittene Grieche diese obszöne Geste nie gemacht. Der von der jungen Crew zusammengeschnittene Film ist – man muss es so sagen – brillant digital bearbeitet.

Er ist so brillant, dass gestern zeitweise niemand mehr wusste, was wahr ist und was gefälscht. Dabei ist der Hintergrund der «Stinkefinger»-Affäre nicht ohne Brisanz.

«The video was doctored!»

Doch der Reihe nach: Seit Wochen werden im Zuge der Griechenlandkrise zwischen Athen und Berlin verbale Giftpfeile hin und her gefeuert. Die populäre Talkshow «Günther Jauch» trug am letzten Sonntagabend nicht dazu bei, die Wogen zu glätten. Der live aus Athen zugeschaltete Finanzminister wurde vor einem Millionenpublikum mit einem YouTube-Video konfrontiert, in dem Varoufakis zu sehen ist, wie er den Deutschen mit der wenig vornehmen Geste zu verstehen gibt, sie sollten ihre Probleme ohne Griechenland lösen.

Das hat in Deutschland Wutpotenzial, schliesslich hängt Athen auch am Milliardentropf der Deutschen. Varoufakis jedenfalls behauptete noch in der Sendung, die aus dem Jahr 2013 stammende Aufnahme von einem Festival in Zagreb sei gefälscht. Nie und nimmer würde er so etwas Respektloses tun. «The video was doctored!» (manipuliert). Die ARD hielt dagegen: Das Video sei echt.

Varoufakis will Entschuldigung

Und dann wirbelte gestern der Satiriker Böhmermann mit einem neuen Video, das die Fälschung des «Stinkefingers» beweisen soll, alles durcheinander. Experten hielten plötzlich Böhmermanns Version für echt und den YouTube-Film für eine Fälschung. Nach einigen Stunden heftiger Debatten in sozialen Netzwerken sah sich das ZDF dann aber dazu genötigt, mit einer Mitteilung Klarheit zu schaffen. Der in der Sendung von Böhmermann gezeigte Film sei manipuliert worden. Mit anderen Worten: Varoufakis habe den Mittelfinger vermutlich doch gezeigt. Allerdings hat Yannis Varoufakis die neueste Entwicklung noch nicht mitbekommen. Jedenfalls forderte er per Twitter eine Entschuldigung von Günther Jauch.

Kritik an Günther Jauch

Der Satiriker Böhmermann hat ein Lehrstück darüber geliefert, wie manipulierbar Medien sind – und auch Meinungen. Böhmermanns Satire ist auch ein Seitenhieb gegen Günther Jauch, der mit einem zwei Jahre alten Video zwecks Erhöhung der Quote auf die Empörungskarte setzte. Die Jauch-Redaktion schüre nationalistische Ressentiments. «Liebe Redaktion von Günther Jauch», spricht der Satiriker am Ende des Filmchens mit einem verschmitzten Lächeln in die Kamera, «Yannis Varoufakis hat unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durch das Studio gezogen, damit sich Mutti und Vati nach dem «Tatort» noch mal schön aufregen können: Der Ausländer, raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns das Geld weg. Wir sind hier die Chefs!»