Aufmerksamkeit um jeden Preis

Weil militärische Erfolge ausbleiben, wirbt der «Islamische Staat» mit der Zerstörung der antiken Stadt Palmyra um neue Anhänger. Nun ist auch der Baal-Tempel des Unesco-Welterbes gesprengt worden.

Michael Wrase
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Via Soziale Medien verbreitet der IS seine neusten «Erfolge» wie hier bei einer der Sprengungen in Palmyra. (Bild: ap/Islamic State social media account)

Via Soziale Medien verbreitet der IS seine neusten «Erfolge» wie hier bei einer der Sprengungen in Palmyra. (Bild: ap/Islamic State social media account)

Mehr als drei Monate sind seit Eroberung von Palmyra durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vergangen. Im Amphitheater der Ruinenstadt in Syrien hatten die Terroristen vor 600 «zwangsverpflichteten» Zuschauern die Enthauptung Dutzender Gefolgsleute des syrischen Staatschefs Bashar al-Assad inszeniert. Von dem Massaker wurden später Videos in hochauflösender Qualität ins Internet gestellt.

Mit den entsetzlichen Bildern will der «Islamische Staat» den Westen schockieren, die islamische Welt beeindrucken, Aufmerksamkeit um jeden Preis erregen. Je brutaler, unmenschlicher und abscheulicher die Videos, so hoffen die Strategen des IS, desto grösser die Wirkung unter den Sympathisanten der Terrororganisation, die man nach Syrien und Irak ins Kalifat des Abu Bakr al-Baghdadi locken will.

IS-Kämpfer in der Defensive

Ausser Hinrichtungsvideos sowie eher langweiligen Werbefilmen für die Wehrertüchtigung hatte der IS zuletzt allerdings nur wenig Aufsehenerregendes zu bieten. Das liegt vor allem daran, dass die Kämpfer des IS in die Defensive geraten sind, eine gross angekündigte Offensive bei Aleppo nicht so recht vorankommt. Erfolge brauchen die Fanatiker aber dennoch. Denn Jihadisten können nichts anderes als siegen, weil nur sie vom richtigen Glauben beseelt sind. So lautet zumindest die in den sozialen Medien fast schon gebetsmühlenartig verbreitete Botschaft der Terrororganisation.

Wenn die grossen Siege auf den Schlachtfeldern also ausbleiben, müssen Erfolge daher auf andere Art und Weise dargestellt und propagiert werden. Das gelang – leider nicht nur aus Sicht der Terroristen – im Frühjahr dieses Jahres im irakischen Mosul, Nimrud und Hatra. IS-Jihadisten hatten dort mit Vorschlaghämmern, Bulldozern und Sprengstoff Stätten antiker Hochkulturen demoliert oder ganz ausgelöscht und ihr Zerstörungswerk in Hochglanzvideos festgehalten – zur Pflege des eigenen Images, auf das auch islamistische Terrorbanden allergrössten Wert legen.

Den Westen demütigen

Ein halbes Jahr später nun wiederholt der IS seine Vernichtungsorgie im syrischen Palmyra, wo man sich noch grösserer Aufmerksamkeit als im benachbarten Zweistromland sicher sein kann. Millionen von Europäern haben Palmyra in den vergangenen Jahrzehnten besucht. Nach der Eroberung der antiken Oasenstadt hatte der Westen gebangt, den IS fast schon angefleht, das Weltkulturerbe zu verschonen. Vergeblich. Zum wiederholten Male sahen die IS-Terroristen die Gelegenheit, den Westen auf spektakuläre Weise zu demütigen, zu demonstrieren, wie machtlos er in Arabien inzwischen ist.

Auf die internationale Jihadisten-Szene macht derartiges Vorgehen grossen Eindruck. Mit der Sprengung des Baal-Tempels von Palmyra erreicht der «Islamische Staat» eine neue Dimension, die weit über die bekannten Schandtaten hinausgeht. Man vernichtet – und dies im grossen Stil – nicht nur arabisches, sondern im weitesten Sinne auch westliches Kulturgut. Gleichzeitig hat der Westen nicht die geringste Chance, den Terroristen Einhalt zu bieten.

Keine Götzen, sondern Allah

Die Behauptung der Terrormiliz, mit der Sprengung des Baal-Tempels die Götzenanbetung bekämpfen zu wollen, ist allerdings ein Scheinargument. Wie viele andere Heiligtümer der Antike behielt auch das bedeutendste Monument von Palmyra später seine religiösen Funktionen. Aus einer arabischen Inschrift in einer der Kultnischen des Gebäudes geht hervor, dass der Tempel im Jahre 1276, zu Beginn der Mamelucken-Zeit, in eine Moschee umgewandelt worden war. Bereits 50 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed also sollen im Baal-Tempel von Palmyra Moslems gebetet haben.