Auf Karlheinz Böhms Spuren in Äthiopien

Der verstorbene Schauspieler Karlheinz Böhm hat sich zeitlebens für das Land eingesetzt. Bis heute ist sein Wirken in Äthiopien sicht- und spürbar.

Christoph Forsthoff, Addis Abeba
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Karlheinz Böhm Mitte der 2000er-Jahre beim Besuch eines seiner Projekte in Äthiopien. (Bild: Rainer Kwiotek)

Karlheinz Böhm Mitte der 2000er-Jahre beim Besuch eines seiner Projekte in Äthiopien. (Bild: Rainer Kwiotek)

Der Name auf dem Richtungsschild hoch über der Kreuzung ist unübersehbar: Karlsplatz steht dort geschrieben. Rund um das Rondell rauscht der Verkehr, eine bronzene Statue mit ausgebreiteten Armen reckt sich gen Himmel, Wien dünkt nahe – indes sind wir mitten in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Denkmal für einen Kaiser – zumindest für einen Film-Monarchen, spielte doch Karlheinz Böhm in den legendären «Sissi»-Filmen den feschen Franz Joseph. Doch nicht dem 2014 verstorbenen Schauspieler ist die Skulptur im Diplomatenviertel Sarbet der 4,4-Millionen-Metropole gewidmet, sondern dem Gründer der Äthiopien­-hilfe «Menschen für Menschen» (MfM).

Erschüttert und aufgewühlt von der Hungersnot in der Sahelzone hatte Böhm im Mai 1981 in der TV-Show «Wetten, dass ...?» gewettet, dass nicht jeder dritte Zuschauer eine D-Mark für die Hungernden spenden würde. Er gewann – und hatte doch plötzlich 1,2 Millionen Mark auf einem Spendenkonto. Wenige Monate später bricht der damals 53-Jährige nach Äthiopien auf, aus dem Leinwandstar wird ein Helfer. «Allerdings kam er nicht mit der Idee von Lebensmitteltransporten, sondern mit dem Gedanken, dass die Menschen hier sich selbst helfen», erinnert sich Berhanu Negussie an ihre erste Begegnung im Dezember 1981. In einem Krankenhaus nahm Böhm eine Patientin in die Arme. Als er hörte, sie sei an Lepra erkrankt, habe er nur geantwortet: «Und, wie können wir ihr jetzt helfen?»

Legendenbildung um «Abo Karl»?

«Karl hat immer gefragt, was die Probleme sind und was für deren Lösung an Unterstützung gebraucht wird», erzählt Negussie, der heute Landesrepräsentant der MfM-Stiftung ist. «Das ist bis heute das Geheimnis des Erfolgs: Er hat uns beigebracht, die Probleme zu erkennen und zu schauen, was wir machen können.» Klingt fast nach Legendenbildung um «Abo Karl» («Vater Karl»), wie viele Äthiopier Böhm bis heute nennen. Und passt damit zu jener Heiligenverehrung, die dem Stifter in den Projektgebieten in Gestalt von Karlstrassen und -restaurants oder Kindern mit seinem Vornamen entgegengebracht wird. Natürlich ist die Realität gerade auf dem Land vielerorts weitaus grauer, fehlt es in vielen Regionen des riesigen Staates – 26 Mal so gross wie die Schweiz – nach wie vor an sauberem Trinkwasser, medizinischer Grundversorgung und Bildungseinrichtungen.

Und dennoch: Dorf für Dorf hat Böhms Gedanke in den vergangenen 37 Jahren Fuss gefasst, in immer neuen Regionen gewinnen die MfM-Helfer die Menschen für ihren Ansatz wie an der 2017 errichteten Wasserstelle Ayero in der Nähe des 10000-Einwohner-Ortes Seyo. Dort hatten die Menschen vorher Wasser aus einer offenen Quelle am Ortsrand geschöpft – während nebenan das Vieh trank, Wäsche gewaschen oder die Notdurft verrichtet wurde. Eine Situation, die bis heute zu Magen-Darm-Erkrankungen führt und vor allem Frauen und Mädchen stark belastet: Sie schleppen morgens und abends die 25-Liter-Kanister auf ihren Schultern oder auf dem Eselsrücken von der Wasserstelle nach Hause.

In Seyo hat diese Last dank der neuen Wasserstelle ein Ende, ein Wasserkomitee aus fünf Dorfbewohnern überwacht die Quellfassung. «Uns geht es in den entlegenen Regionen um eine integrierte Entwicklung», sagt MfM-Vorstand Peter Renner. «Wir haben einen klaren Stiftungszweck: Menschen in den bedürftigen Regionen zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.» Ein hehres Ziel, ganz im Geiste des Stiftungsgründers – und doch fehlt es für dessen Realisierung vor allem an Jobs. 20 Millionen Arbeitsplätze bräuchte das ostafrikanische Land in den kommenden Jahren, um vor allem den «Qeeroos» eine Perspektive zu geben: jenen jungen Männern ohne Arbeit, die am Strassenrand lungern, Kaffee trinken und die grünen Blätter der Droge Khat kauen. «In meiner Verzweiflung habe ich sogar an Emigration gedacht, aber mir fehlte das nötige Geld», erzählt Jamal Awol von seinen Jahren ohne Job. «In der Hoffnung, etwas zu verdienen, bin ich nach Addis Abeba gegangen, doch gesundheitliche Probleme zwangen mich zur Rückkehr in mein Heimatdorf.» Nach acht Jahren Hoffnungslosigkeit fand er dann einen Job – als Vorarbeiter einer zehnköpfigen Kooperative, die eine kleine Ölmühle betreibt. In einem Wellblechbau wird am Rande Seyos aus den Samen des Ramtillkrauts, der Nigersaat, Öl gepresst. Der Lohn beträgt 1200 Birr pro Monat, rund 42 Franken. Reich wird hier keiner, doch «viel wichtiger als das Geld ist die Perspektive», sagt Awol. Eine Perspektive, die auch die Männer und Frauen in anderen Kooperativen antreibt, die sich um die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse wie der Nigersaat kümmern: sei es bei deren Trennung von Spreu und anderen Samen oder dem Verkauf des in Flaschen abgefüllten Öls in einem Laden in Seyo. «An Markttagen verkaufe ich hier mehr als 100 Liter Öl», erzählt Fatuma Dabasa. Elektrotechnik hat sie studiert und vergeblich auf einen Job gehofft; nun ist die 22-Jährige froh, dass ihr Leben eine neue Wendung genommen hat.

Verändertes Spendenverhalten

Kleine Schritte wie auch die erstmalige Produktion von Tomatenketchup im Land: Bis vor kurzem führte Äthiopien Tomaten nach Saudi-Arabien aus, um von dort Ketchup wieder zu importieren. Schwer nachvollziehbar, denn die klimatischen Bedingungen sind in vielen Regionen für die Landwirtschaft ideal. Indes bedarf es dafür eben auch einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Land selbst – und das autoritär-repressive System hat sich erst seit der Machtübernahme des neuen Premierministers Abiy Ahmed im April dieses Jahres marktwirtschaftlichen Gedanken geöffnet (siehe Kasten). Was zweifellos auch den MfM-Initiativen zugute kommt, selbst wenn Negussie betont: «Karlheinz Böhm hat den Regierenden schon früh verdeutlicht, dass Hilfe nur miteinander Sinn macht – weshalb wir immer auf Zusammenarbeit mit der Regierung und Verwaltung gesetzt haben.» Entsprechend laufen die Projekte bis heute stets über mehrere Jahre, werden Verträge mit der Stiftung abgeschlossen, die sich jährlich in den verschiedenen Regionen zu finanziellen Unterstützungen von mehr als 10 Millionen Euro verpflichtet hat. Geldliche Zusagen, für deren Einhaltung das Hilfswerk wohlweislich Rücklagen von rund 20 Millionen Euro gebildet hat: Schliesslich kämpft auch MfM mit einer Veränderung des Spendenverhaltens. «Karlheinz Böhm wäre heute über 90, seine Fans gehören der Generation 70 plus an – eine Gemeinschaft jenseits des Arbeitslebens, die einfach über weniger finanzielle Mittel als früher verfügt», konstatiert Renner.

Hoffnungsträger Abiy Ahmed

Er ist jung und will ­vieles verändern: Seit April 2018 ist Abiy Ahmed Ministerpräsident von Äthiopien. Das Ziel des 42-Jährigen: das Aufbrechen der verkrusteten Strukturen im Land. Seit dem Ende des sozialistischen Derg-Regimes von Diktator Mengistu Haile Mariam, das zwischen 1977 und 1991 bestand, regiert in Äthiopien eine Parteienkoalition mit dem Namen «Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker», kurz EPRDF. Wegen des autoritären Stils der Regierung war es immer wieder zu Volksaufständen gekommen. Im Land mit über 100 Millionen Einwohnern leben zig Stämme, die um die Vorherrschaft rivalisieren.

Abiy hat sich als Chef der EPRDF kurz nach seinem Amtsantritt als Regierungschef für Fehler der politischen Führung entschuldigt – ein bis dahin undenkbarer Vorgang. Zudem hat er zahlreiche langjährige Funktionäre aus der Landesführung entfernt. Gleichzeitig liess Abiy Hunderte politische Gefangene frei. Mit seinem Elan hat sich der forsche Regierungschef aber auch Feinde geschaffen. Im Oktober marschierten bewaffnete Soldaten in Abiys Amtssitz ein. Dieser sprach anschliessend von einem Putschversuch und tauschte die Militärführung aus. Bereits im Juni kam es in der Hauptstadt Addis Abeba zu einem missglückten Anschlag auf den Regierungschef.

Dem Widerstand aus den eigenen Reihen steht die Unterstützung der Bevölkerung entgegen. Viele Äthiopier sind begeistert von Abiy, weil sie sich von ihm Reformen erhoffen – auch wirtschaftlicher Natur. Seit Amtsantritt versucht er, die von Bürokratie gelähmte Wirtschaft zu liberalisieren. Zwar wächst die äthiopische Wirtschaft rasant – 2017 über 10 Prozent –, aber noch immer leben viele Äthiopier in sehr einfachen Verhältnissen – vor allem von der Landwirtschaft. Abiy Ahmed läuft ein Rennen gegen die Zeit. Solange er die Unterstützung der Bevölkerung geniesst, sitzt er fest im Sattel. Doch sollten seine Reformen nicht in Form von mehr Wohlstand bei den Menschen fruchten, könnte es damit schnell vorbei sein. (dlw)