Auf der Krim wächst die Spannung

Die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer ist eine autonome Republik innerhalb der Ukraine. Hier geraten immer heftiger die russischstämmige Bevölkerung, Ukrainer und Krimtataren aneinander. Russland spielt eine undurchsichtige Rolle.

Florian Kellermann
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Russische und Fahnen der Krim: Das besetzte und belagerte Regionalparlament in der Hauptstadt Simferopol. (Bild: epa/Arthur Shwartz)

Russische und Fahnen der Krim: Das besetzte und belagerte Regionalparlament in der Hauptstadt Simferopol. (Bild: epa/Arthur Shwartz)

SIMFEROPOL. Hand in Hand stehen Polizisten und Freiwillige vor dem Regionalparlament in der Hauptstadt Simferopol. Manche rufen «Russland, Russland», andere schwenken die Fahne der Krim-Halbinsel. Niemand weiss, was in dem Gebäude vor sich geht. Bewaffnete Männer in Militärkleidung haben es am Morgen besetzt, später begann das Parlament zu tagen. Zur Sitzung erschienen die prorussischen Abgeordneten, die eine Mehrheit stellen.

Unter den Menschen vor dem Parlament herrscht kein Zweifel, dass es den Abgeordneten um eine Loslösung der Halbinsel von der Ukraine geht. Die Besetzer haben die ukrainische Fahne auf dem Dach eingeholt und die russische gehisst. Sie hoffe, dass die Krim bald zu Russland gehöre, sagt eine Frau. «Die Krim war, ist und bleibt russische Erde», brüllt sie in jedes Mikrophon. Schliesslich gebe es auf der Halbinsel zwei Städte, die sich im Zweiten Weltkrieg den Heldenstatus erkämpft hätten. «Kiew hat das auch, aber die haben sich ja dem Westen zugewandt, eine Schande», sagt die Frau. Das kommt für sie nicht in Frage.

Janukowitsch meldete sich

Unter den rund 200 Versammelten kursieren verschiedene Gerüchte. Die einen sagen, das Parlament werde eine Volksabstimmung beschliessen, zu welchem Staat die Krim künftig gehören soll. Diese Forderung erhoben eben erst Universitätsprofessoren der Krim und andere Intellektuelle. Andere Versammelte sagen, das Parlament werde sich an den abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch wenden und mit seiner Hilfe einen Führungsanspruch auf die ganze Ukraine erheben. Die neue Staatsführung in Kiew sei nicht legal, sondern durch einen Umsturz an die Macht gekommen. Eigentlich sei Janukowitsch noch immer Präsident. Tatsächlich wandte sich dieser gestern von einem unbekannten Ort aus an die Ukrainer. «Ich bin gezwungen, die russische Führung zu bitten, für meine persönliche Sicherheit zu sorgen», hiess es in einer Erklärung.

Ob sich Russland offiziell in den Konflikt auf der Krim einmischen wird, ist bisher unklar. Die Signale sind aber besorgniserregend. Verschiedene Teile der russischen Streitkräfte wurden in Bereitschaft versetzt, darunter See- und Luftstreitkräfte. In Moskau gibt es immer mehr offizielle Stimmen, die Janukowitsch weiter als legitimen Präsidenten der Ukraine bezeichnen.

«Stärkere Autonomie»

Die neue ukrainische Regierung gab zu verstehen, dass ihrer Ansicht nach Russland hinter der separatistischen Bewegung auf der Krim steht. Sie hält die russische Schwarzmeerflotte, die in Sewastopol ihre Basis hat, für das Zentrum der Bewegung. «Wenn sich russische Soldaten auf der Krim bewegen – ausserhalb der für sie vorgesehenen Gebiete, und vor allem, wenn sie das bewaffnet tun, werden wir das als militärische Aggression auffassen», sagte Parlamentssprecher Alexander Turtschinow, der vorübergehend auch die Regierungsgeschäfte führt.

Neben den friedlich Demonstrierenden vor dem Krim-Parlament formieren sich junge Männer zu Kolonnen. Sie sind noch nicht richtig trainiert, versuchen aber, den Befehlen ihrer Anführer zu folgen und sich exakt in eine Reihe zustellen. Ein Mann im Tarnanzug stellt sich als Kommandant der ersten Kompanie eines Selbstverteidigungsbataillons vor. «Unter uns sind viele Offiziere im Ruhestand, deshalb wissen wir, was wir tun. Wir werden unser Land vor Besatzern verteidigen», erklärt er. Mit «Besatzern» meint er Rechtsradikale, die seiner Ansicht nach schon die Macht in Kiew übernommen hatten. Damit wiederholt er die Propaganda der russischen Medien. Eine Angliederung der Krim an Russland müsse nicht sein, sagt der Kommandant, aber mindestens solle die Halbinsel eine viel stärkere Autonomie bekommen.

Aufgebrachte Krimtataren

Einen entsprechenden Beschluss fasst das Krim-Parlament am späten Nachmittag, melden ukrainische Medien. Die Bewohner sollten in einer Volksabstimmung über eine weitergehende Selbständigkeit befinden. Ausserdem entliess das Parlament die Regierung der Krim. Beobachter bezweifeln jedoch, dass ein Beschluss im besetzten Gebäude gültig ist.

Etwa einen Kilometer entfernt, im Gebäude der Krimtataren, herrscht helle Aufregung. Die Minderheit will unbedingt, dass die Halbinsel bei der Ukraine bleibt. Remsi Ilyasov, ein Abgeordneter des Krim-Parlaments, kommt schweissgebadet aus einer Sitzung. «Ich finde keine Worte, ich möchte am liebsten nur ausspucken», sagt er. Andere wollen keine Stellungnahme abgeben, die Situation sei zu angespannt. «Jetzt sollen sich alle Parteien und alle Nationalitäten an einen Tisch setzen und reden, aber die pro-russischen Politiker handeln wie Diktatoren», schimpft er.

Auch die Krimtataren kündigten inzwischen an, sie wollten Selbstverteidigungsgruppen bilden. Am Mittwoch war es schon zu ersten Zusammenstössen zwischen Krimtataren und prorussischen Krim-Bewohnern gekommen. Das bisher mehr oder weniger friedliche Zusammenleben zwischen den Tataren, den Ukrainern und den Russen auf der Halbinsel scheint tatsächlich in Gefahr.

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