Auf den Vater folgt die Tochter

Der Front National (FN) bleibt in der Familie: Marine Le Pen will am Sonntag die Leitung der französischen Rechtsradikalen von ihrem Vater übernehmen. Mit alten Thesen, aber einer neuen Taktik.

Stefan Brändle
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paris. Eine Ära geht in Frankreich zu Ende: Jean-Marie Le Pen tritt ab, nachdem er das Leben am rechten Rand der Politik fast vierzig Jahre lang dominiert hat. Berüchtigt waren seine Provokationen, etwa wenn er die Gaskammern des Dritten Reichs als «historisches Detail» abtat oder meinte, er ziehe Kühe den Arabern vor. Der ehemalige Folter-Leutnant im Algerien-Krieg (1958–1962) ohrfeigte gerne Linkskandidatinnen und trug in einem Wahlkampf gar ein Glasauge davon. Seinen grössten Triumph feierte er bei den Präsidentschaftswahlen 2002, als er in die Stichwahl gegen Jacques Chirac vordrang.

Danach trat jedoch Nicolas Sarkozy an, dem Front National das Wasser abzugraben. Als Innenminister polterte er gegen das «Pack» in den Pariser Vororten; nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten 2007 trat er eine Debatte über «nationale Identität» los und liess Tausende von Roma nach Rumänien zurückschaffen.

Populärer als der Vater

Nun, vor dem Wahljahr 2012, legen die «Frontisten» aber wieder zu. Seit der Wirtschaftskrise und den damit verbundenen Ängsten sprechen sich 22 Prozent der Franzosen in Umfragen für die rechtsextreme Partei aus. Das sind vier Prozent mehr, als Le Pen bei seinem Höhenflug 2002 erzielte.

In diesem Kontext erhält der anstehende Generationenwechsel eine besondere Bedeutung. Am Sonntag übergibt Jean-Marie Le Pen die Leitung seiner 1972 von ihm gegründeten Formation in jüngere Hände. Nachfolgekandidaten sind Bruno Gollnisch, ein 60jähriger strammer Parteiideologe, der ebenfalls auf eine reiche Trophäensammlung an Verleumdungsprozessen zurückblickt, sowie die Tochter des Chefs, Marine Le Pen. Die 42-Jährige hat die besten Chancen, die Leitung des FN anzutreten. «Niemand zweifelt daran, am wenigsten sie selbst», meint der Politologe Alain Duhamel. Jean-Marie Le Pen wird die Fäden der Partei aus dem Hintergrund sicher weiter mitziehen. «Auch wenn niemand um meinen Rat bittet, werde ich ihn geben», sagte der heutige Europaparlamentarier selbst.

Marine Le Pen geht es aber gar nicht so sehr um die Partei. Sie visiert vor allem die Präsidentschaftswahlen 2012 an. Ihre zwar ruppige, aber direkte Art macht sie 27 Prozent der Franzosen sympathisch. Damit übertrifft sie deutlich den Vater, der mit seinen verbalen Ausfällen die Stimmen von Protestwählern holte.

Neue Wähler im Auge

Marine Le Pen vertritt die gleichen Thesen wie er und wettert ebenso sehr gegen die Immigration, den Islam und die EU. Sie tut es aber ohne Eclat; statt auf Provokation setzt sie auf Salonfähigkeit, um ins Fernsehen zu kommen. Aus der Überlegung, dass sie die Stimmen der Rechtsaussen und Protestwähler ohnehin auf sicher hat, versucht die wohl nächste FN-Chefin auch rechtsbürgerliche Wähler anzusprechen. Das macht sie für die Regierungspartei UMP und für Nicolas Sarkozy gefährlich. Marine Le Pen verhöhnt ihn gerne als «die Kopie des Originals». Der sozialistische Abgeordnete und Banlieue-Experte Julien Dray meint jedoch, sie könne «auch der Linken, die schon heute viele Arbeiter an den FN verloren hat, Stimmen wegnehmen».

Ob sie zu einer ähnlichen Wahlsensation wie ihr Vater fähig ist, bleibt fraglich. Ihre hohen Beliebtheitswerte bedeuten nicht, dass ihr die Franzosen dann auch die Stimme geben werden. In spezifischen Wahlumfragen erhält sie nämlich nur die Hälfte ihrer Sympathiepunkte, 13 bis 14 Prozent. Das entspricht dem traditionellen Potenzial des Front National.

Präsidentin wird Marine Le Pen wohl nie; dazu ist schon ihr Wirtschaftsprogramm zu dürftig und zu diffus. Aber sie kann bei den Präsidentschaftswahlen einigen Kandidaten einen Strich durch die Rechnung machen. Sie ist weniger als ihr Vater ein Schreckgespenst für Frankreichs Politik – eher für all jene, die ins Elysée einziehen oder dort bleiben wollen.