Auf blossen Verdacht hin geschossen

In den USA alarmiert der Fall von Trayvon Martin immer weitere Kreise der Öffentlichkeit. Der schwarze Jugendliche wurde Ende Februar von einem jungen Mitglied einer Bürgerwehr erschossen, nur weil er ihm verdächtig vorkam. Die Polizei hat den Täter bisher nicht festgenommen.

Thomas Spang
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Fordern Gerechtigkeit für Trayvon Martin: Kundgebung in Sanford, dem Ort der Tat. (Bild: ap/Julie Fletcher)

Fordern Gerechtigkeit für Trayvon Martin: Kundgebung in Sanford, dem Ort der Tat. (Bild: ap/Julie Fletcher)

SANFORD. Es dauerte über drei Wochen, ehe der Fall national zur Kenntnis genommen wurde. So lange brauchten Vater Tracy Martin und die getrennt in Miami lebende Mutter Sybrina, um sich via Medien und soziale Netzwerke Gehör zu verschaffen. Die Behörden Floridas sahen zuerst keinen Anlass, die Umstände des Todes von Trayvon Martin zu untersuchen, der nur deshalb sterben musste, weil er jemandem verdächtig vorkam. Inzwischen haben über eine Million Menschen eine Petition unterzeichnet, die eine Strafverfolgung des Schützen fordert. Das gleiche verlangten am Donnerstag 20 000 Menschen am Ort des Geschehens, in Sanford in Florida. Gestern hat nun auch Präsident Obama die lückenlose Aufklärung des Falls verlangt.

Polizei war informiert

Tracy Martin warnte seinen Sohn Trayvon von Klein auf vor den Gefahren, denen ein Schwarzer in den USA ausgesetzt sei. «Ich habe ihm eingeschärft, dass wir es als Afro-Amerikaner immer mit Vorurteilen zu tun haben», erinnert er sich an ein Gespräch, das gar nicht so lange zurückliegt. Darin gab er dem 17-Jährigen einen Satz mit auf den Weg, der nun tragische Aktualität erhielt. «Die Gesellschaft ist grausam.»

Trayvon musste das am eigenen Leib erfahren, als er von einem Einkauf nach Hause zurückkehren wollte. Weil es regnete, hatte er seine Kapuze hochgezogen. Plötzlich bemerkte er jemanden hinter sich. «Dieser Kerl scheint mich zu verfolgen», berichtet Trayvon seiner Freundin über das Handy. «Lauf weg», rät das Mädchen. Trayvon läuft. Das macht ihn in den Augen seines Verfolgers noch verdächtiger.

Der 28jährige George Zimmerman – mit hispanischen Wurzeln – hatte sich auf die Fährte des Jugendlichen gesetzt. Er ist Mitglied einer Freiwilligen Bürgerwehr, die im eingezäunten Quartier patrouilliert. Er hatte bereits die Polizei verständigt. In dem Notruf schildert Zimmerman den Schüler als jemanden, «der nichts Gutes im Schild führt, Drogen oder sonst irgendwas genommen hat». Er schaue sich die Häuser genau an und habe nun auch ihn gemustert. «Er sieht schwarz aus», sagt er, verbunden mit der Bemerkung, dass diese «…» immer davonkämen. «Verfolgen Sie ihn?», will der Polizist in der Zentrale wissen. «Yeah», antwortet Zimmerman. «O.k., sie brauchen das nicht zu machen.» Ein Einsatzwagen sei bereits auf dem Weg.

Tat am Telefon mitgehört

Trayvons Freundin bekommt am Telefon mit, wie Zimmerman diesen einholt. «Warum verfolgst Du mich?», will Trayvon wissen. «Was machst Du hier im Quartier?», fragt Zimmerman zurück. Das Mädchen hört einen Laut, der wie ein Stoss klingt. Danach endet das Telefonat abrupt.

Nachbarn berichteten der Notrufzentrale zu dieser Zeit von Schreien. Auf einem Mitschnitt identifiziert Vater Martin später den Hilferuf Trayvons, der um sein Leben fleht. Zu hören ist auch ein Schuss. Abgefeuert wurde er aus der Neun-Millimeter-Pistole, die Zimmerman bei sich hatte, und traf Trayvon aus nächster Nähe in die Brust. Als die Polizei eintraf, lag er tot auf dem Boden. Er habe um sein Leben gefürchtet, sagte der Schütze den Beamten, die ihn von seinen 46 Anrufen im letzten Jahr bestens kannten. Doch sie liessen ihn laufen.

Jetzt ermitteln Bürgerrechtsexperten des US-Justizministeriums, ob es sich um eine rassistisch motivierte Tat handelt, wofür nicht mehr die lokalen Behörden zuständig wären. Auch das FBI ermittelt. Der republikanische Gouverneur Rick Scott steht unter massivem Druck, etwas zu tun. Er will sich darum kümmern, dass Gesetze nicht «unfair angewandt werden». Die Staatsanwaltschaft des zuständigen Bezirks von Seminole kündigte an, es werde Geschworene zusammentrommeln, um zu entscheiden, ob der Fall zur Anklage kommen solle.

Landesweit regt sich Protest

Derweil machen Bürgerrechtler, Politiker, Prominente und Schüler USA-weit mobil. In New York gab es am Mittwoch eine Demonstration.

«Das war ein sinnloser Mord», sagte der Führer der Bürgerrechtsgruppe NAACP in Seminole County, Turner Clyton, an einem Treffen besorgter Anwohner, denen das Treiben der Bürgerwehren missfällt. «Wir als Farbige müssen uns friedlich dagegen auflehnen, und wir werden uns durchsetzen», sagte Clyton.

«Die Annahme, das Trayvon Martin der Angreifer war, ist nicht zu halten», sagt Familienanwalt Benjamin Crump an einer Pressekonferenz. Die Aussagen der Freundin und der verschiedenen Notrufe widerlegten dies. Das einzige, was die Polizei beim toten Trayvon gefunden habe, seien ein Sack Süssigkeiten und eine Dose Eistee gewesen. Dass die Beamten ihn auf Drogen und Alkohol testeten, Zimmerman aber unüberprüft laufen liessen, spreche für die Vorurteile der lokalen Polizei.

Gesetz mit fatalen Folgen

Kommt es zu einem Prozess – was noch ungewiss ist –, stehen die Chancen für Zimmerman nicht schlecht, unbestraft zu bleiben. Möglich macht dies ein von der Waffenlobby NRA gefördertes Gesetz in Florida, das den Gebrauch von Waffen erlaubt, sieht jemand sein Leben in Gefahr. Seit 2005 dieses «Stand your ground»-Gesetz (Weiche nicht zurück) in Kraft gesetzt wurde, hat sich die Zahl der «in Selbstverteidigung» getöteten Menschen verdreifacht.