Auch ohne Krieg mehr Unsicherheit

Nach innen sendet Nordkoreas Regime erste Signale der Entspannung. Nach aussen droht es weiter – nun Japan. Zudem erhöht die Krise auch ohne Krieg in Korea die globale atomare Bedrohung. Von Walter Brehm

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Seit Tagen wird ein weiterer Raketentest Pjöngjangs erwartet. (Bild: ap)

Seit Tagen wird ein weiterer Raketentest Pjöngjangs erwartet. (Bild: ap)

Kommentar

Alle Welt wartet darauf, wie Nordkorea den 101. Geburtstag Kim Il Sungs, des Staatsgründers und Grossvaters Kim Jong Uns, begeht. Letzterer bleibt widersprüchlich. Er droht jetzt Japan mit einem Atomschlag, leitet aber gleichzeitig innenpolitisch eine Kehrtwende ein: «Nein, es gibt keinen Krieg. Regt euch nicht auf.» In Bürgerversammlungen sollen lokale Parteikader die Bevölkerung beruhigen: «Unsere Soldaten werden zur Ernte eingesetzt. Die Kriegsgefahr ist vorbei.»

Kims Lebensversicherung

Seit Wochen hält der Machthaber in Pjöngjang die Welt mit Drohungen in Atem – und tut es noch. Trotz erster Signale der Entspannung nach innen ist die Krise noch nicht gelöst. Zudem geht es längst nicht mehr nur um die unmittelbare Zukunft der koreanischen Halbinsel. Es geht vor allem um die Proliferation, die Weitergabe atomarer Rüstung.

Für ideologisch und wirtschaftlich isolierte Regime ist das Know-how zum Bau von Atomwaffen eine Art Lebensversicherung nach innen und aussen. Und wie das funktioniert, hat Nordkorea demonstriert.

Kim III., so wird von Experten kolportiert, habe mit der Krise vor allem das politische Überleben des Regimes sichern wollen. Um Jahrzehnte jünger als die ihn umgebende Partei- und Militärnomenklatura habe Kim erkannt, dass dies nur mit Reformen nach chinesischem Muster möglich sei – mit wirtschaftlichen Reformen ohne politische Öffnung: Werdet reich, aber haltet politisch still. Diese Tonalität hatte bereits seine Neujahrsansprache und später die Ernennung seines neuen Premierministers: Ein Wirtschaftsexperte, der vergeblich schon einmal versucht hatte, Nordkorea marktwirtschaftlich zu öffnen.

«Ich bin der starke Mann»

Was hat das mit der atomaren Bedrohung zu tun? Für Veränderungen muss sich Jung-Diktator Kim innenpolitisch absichern – in der Machtelite, die jeder Neuerung misstraut, und im Volk, dem man seit Jahrzehnten erklärt hat, im Arbeiter- und Bauernparadies zu leben. Dies tut Kim nun unter dem hohem Risiko atomarer Drohungen gegen die Nachbarn und vor allem gegen die USA. Seht her: Ich bin der starke Mann – ich gebe den Kurs für das Land und für die Welt vor.

Der Preis der Entspannung

Das weltweite Aufatmen aber, dass die Kriegsgefahr zumindest eingedämmt scheint, hat seinen Preis: Die aufgebaute atomare Kulisse weckt Begehrlichkeiten. Die Lebensversicherung eines unmenschlichen Regimes, das Millionen Menschen in Geiselhaft hält, schürt Ängste. Bereits will Südkorea nun selber Uran anreichern, um notfalls eigene Atomwaffen entwickeln zu können. Japan, das sich ebenfalls bedroht fühlt, ist technisch und materiell längst in der Lage, innert zwei Monaten Atomwaffen zu bauen.

Rüstungsspirale angekurbelt

Als Verlierer von Kims Atompoker sehen sich aber auch China und Russland. Sie sind verärgert, allerdings nicht, weil sich der Erpresser durchsetzen könnte. Seine Politik der Provokation hat Kim aber letztlich zum Erfüllungsgehilfen amerikanischer Pläne im pazifischen Raum gemacht. Mit der Legitimation, seine Alliierten in der Region zu beschützen, hat Washington seine militärische Präsenz verstärkt. Die USA werden auch wirtschaftlich als Partner der asiatischen Demokratien gegenüber China und Russland mit diesem Pfund wuchern können.

Peking und Moskau aber könnten auf Jahre als Partner des Westens für die Abrüstung konventioneller und atomarer Waffensysteme ausfallen. Vielmehr dürfte Kim Jong Un die Rüstungsspirale wieder richtig in Schwung gebracht haben. Die Bedrohung durch einen Krieg um Korea mag vorerst abgeschwächt sein, die weltweite Bedrohung durch ein – auch atomares – Wettrüsten aber ist wieder grösser geworden.