Auch in England geht man über die Bücher

Stuart Fraser macht sich Sorgen. Seit Jahren rührt der Broker die Werbetrommel für die City of London. Gerade erst hat ein Vergleich von 59 Städten die britische Hauptstadt als weltweites Finanzzentrum Nummer eins bestätigt.

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Stuart Fraser macht sich Sorgen. Seit Jahren rührt der Broker die Werbetrommel für die City of London. Gerade erst hat ein Vergleich von 59 Städten die britische Hauptstadt als weltweites Finanzzentrum Nummer eins bestätigt. Die Finanzwelt sei nur knapp dem Systemkollaps entgangen, und natürlich habe es Fehler gegeben. «Wir brauchen neue Regeln», räumt Fraser ein und fügt hinzu: «Aber wir müssen flexibel bleiben. Am Ende muss die Verantwortung bei den Firmenverantwortlichen bleiben.» Seit die britische Regierung die Hypothekenkasse Northern Rock nationalisieren und den Notverkauf von HBOS an Lloyds TSB vorantreiben musste, stehen die sonst so hochmütigen Banker unter Druck. Der Erfolg des Finanzplatzes London hing nicht zuletzt damit zusammen, dass die Finanz-Aufsichtsbehörde FSA als zahnlos galt. «Anything goes» schien das Motto zu sein.

«Neue Regeln»

Nun hat sich der Wind gedreht. Letzte Woche unterband die FSA die umstrittene Praxis des «short selling», also den Verkauf geborgter Aktien in der Hoffnung auf weiteren Wertverfall. Das Verbot gilt zunächst nur für vier Monate, aber schon spricht Premier Brown von «neuen Regeln für die Zukunft». Unter anderem plant die Regierung schärfere Vorschriften gegen überhöhte Bonuszahlungen für Banker und Hedge-Fonds-Manager. Die «Unverantwortlichkeit der Finanzmärkte», wie Brown sagte, ist in aller Munde.

Fieberhaft arbeiten die Spezialisten der FSA an Vorschlägen für ein neues Regelwerk. Bei einem Fachgespräch am Rand des Herbsttreffens der Labour-Party lässt sich die zuständige Abteilungsleiterin Verena Ross deshalb entschuldigen: «Sie hat derzeit viel zu tun», teilt der Gesprächsleiter in britischem Understatement mit. Was die Regierung von der Aufsichtsbehörde erwartet, umreisst die Staatsministerin im Schatzkanzleramt, Yvette Cooper, so: «Wir wollen weder laissez faire noch übermässige Bürokratie, sondern Vorschriften, die dem jeweiligen Risiko gerecht werden – wie bisher.» Freilich haben die bisherigen Regeln eben übermässige Risikofreude nicht nur zugelassen, sondern geradezu angeregt.

Die Kirche schaltet sich ein

Da seien erhebliche Veränderungen nötig, glaubt Rowan Williams. Der anglikanische Erzbischof hat sich mit einem bemerkenswerten Essay in die Debatte eingeschaltet: «Transaktionen auf dem Papier ohne irgendwelche Resultate, abgesehen von einem Profit für die Aktienhändler» müssten der Vergangenheit angehören. Die Broker, die die eigentlich gesunde HBOS in einen hastigen Notverkauf getrieben hätten, seien nichts anderes als «Bankräuber und Wertvernichter», pflichtet Williams' Yorker Bischofskollege John Sentamu bei.

Die Geistlichen spiegeln die Stimmung vieler Briten wider, die als Kleinaktionäre und Teilhaber von Pensionskassen direkt von der Finanzkrise betroffen sind. «Die Menschen sind sehr zornig», weiss auch Staatsministerin Cooper. City-Lobbyist Stuart Fraser hat viel Arbeit vor sich.

Sebastian Borger, London

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