Attentate in Assads Kernland

Durch Terrorattacken an der vom Bürgerkrieg weitgehend verschonten syrischen Mittelmeerküste sind gestern mehr als 150 Menschen ums Leben gekommen. Gezielt wurde auf Alawiten-Hochburgen.

Michael Wrase
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LIMASSOL. Wie die meisten Terrorattacken des sogenannten Islamischen Staats (IS) waren auch die jüngsten Anschläge der Jihadistenmiliz mit perfider, todsicherer Präzision geplant worden. In einem Geschäftsviertel der syrischen Hafenstadt Tartus hatte sich zunächst ein Selbstmordattentäter des IS an einer Bushaltestelle in die Luft gesprengt. Als Sanitäter und Passanten wenige Minuten später die Opfer bergen und den Überlebenden helfen wollten, wurde fast an gleicher Stelle eine Autobombe gezündet.

Attentate mit Symbolkraft

Auch in der Stadt Jableh warteten die IS-Terroristen an einer Bushaltestelle, bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft sowie vor der Notaufnahme eines Spitals auf ihre Opfer. Ein Attentäter, der sich auf der Intensivstation des Spitals in die Luft sprengen wollte, konnte anscheinend rechtzeitig gestoppt werden. Mehr als 150 Menschen kamen nach Angaben auch des syrischen Staatsfernsehens durch die Serie von Anschlägen ums Leben, bis zu 200 Menschen wurden zum Teil sehr schwer verletzt.

Die «Operationen», heisst es in einem Bekennerschreiben des «Islamischen Staats», hätten sich gegen «Zusammenkünfte von Alawiten» gerichtet. Die Alawiten sind eine islamische Sekte, deren Mitglieder von den meisten der überwiegend sunnitischen syrischen Aufständischen als «Ungläubige» diffamiert und nicht selten mit dem Tod bedroht werden. Der Hauptsiedlungsraum der Alawiten ist ein Küstenstreifen, der sich von der türkischen Provinz Hatay im Norden südwärts über Syrien bis nach Libanon erstreckt.

Immer noch Feriendestination

Die Städte Jableh und Tartus befinden sich unter der Kontrolle von Machthaber Bashar al-Assad. Er gehört ebenfalls der alawitischen Glaubensgemeinschaft an, genauso wie ein grosser Teil der staatlichen und militärischen Elite des Landes. Für syrische Verhältnisse waren die beiden Mittelmeerstädte, deren Einwohnerzahl sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt hat, Oasen der Ruhe. Viele Syrer verbringen dort noch immer ihre Sommerferien.

Tartus ist darüber hinaus der wichtigste Hafen der russischen Kriegsmarine im östlichen Mittelmeer. Und von einem Militärflughafen in der Nähe von Jableh startet die russische Luftwaffe seit Monaten zu ihren täglichen Angriffen auf syrische Rebellengruppen.

Es ist anzunehmen, dass die verheerende Spirale von Gewalt und Gegengewalt durch die gestrigen Terroranschläge weiter angetrieben werden wird. Erst am Wochenende hatten amerikanische Offizielle die sich häufenden Terroranschläge des «Islamischen Staats» in Syrien und in Irak als ein Zeichen der Schwäche interpretiert. Anstelle der ausbleibenden Siege auf dem Schlachtfeld, hiess es, versuchten die Jihadisten jetzt mit blankem Terror Schlagzeilen zu machen.

Brutaler Kampf um Aleppo

Der Gegner, so die menschenverachtende Logik fast aller Kriegsparteien in Syrien, verstehe halt nur die Sprache der Gewalt. Wird der Leidensdruck zu gross, werde die Gegenseite schon einlenken. Nach dieser Devise handelt auch das Assad-Regime, das gegenwärtig vor allem in der Grossstadt Aleppo fast alle Register zieht, um die Handelsmetropole vollständig unter seine Kontrolle zu bekommen.