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ATTENTAT: Neuer Horror in Syrien

Bei einem Selbstmordanschlag auf einen schiitischen Flüchtlingskonvoi kommen mindestens 126 Menschen ums Leben, unter ihnen 68 Kinder. Geradestehen will für das Blutvergiessen bislang niemand.
Michael Wrase, Limassol

Michael Wrase, Limassol

Glaubt man den in den sozialen Medien verbreiteten Augenzeugenberichten, dann sollen Kinder dem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug freudig entgegengelaufen sein. Denn der Fahrer, so hiess es, habe die Verteilung von Kartoffelchips versprochen. Minuten später explodierte der von einem Selbstmordattentäter gesteuerte Wagen inmitten eines Buskonvois mit Flüchtlingen. Diese waren am Vortag aus den von dschihadistischen Rebellen belagerten Schiiten-Enklaven Fuah und Kefraja evakuiert worden. Im Umland von Aleppo hatten sie auf die Weiterfahrt warten müssen.

Mindestens 126 Menschen kamen bei dem Massaker am Ostersamstag ums Leben. Unter den Toten waren 68 Kinder und 13 Frauen. Selbst hartgesottene Kriegsfotografen brachen weinend zusammen, als sie die zerfetzten Busse mit den verkohlten Kinderleichen sahen. Langjährige Beobachter des syrischen Bürgerkrieges reagierten entsetzt: «Nach sechs Jahren Krieg und Gemetzel ist das ein neuer Horror, der das Herz eines jeden bricht, der eins hat», betonte Unicef-Chef Anthony Lake. Zum Terroranschlag vom Ostersamstag liegt bislang kein Bekennerschreiben vor. Zur Explosion gebracht wurde die Höllenmaschine in einem Gebiet, das von der mit Al-Kaida verbündeten Dschihadisten-Allianz Hayat at-Tahrir ash-Sham (Front zur Befreiung der Levante) kontrolliert wird. Deren Kämpfer hatten den schiitischen Flüchtlingskonvoi aufgehalten, weil sie mit der Zahl der ebenfalls aus Fuah und Kefraja evakuierten Rebellen nicht einverstanden waren. Ihre Evakuierung ist Teil einer vom Iran und von Katar vermittelten, hochkomplexen Vereinbarung, welche neben den beiden Schiiten-Enklaven auch die von der Assad-Armee belagerten sunnitischen Rebellenhochburgen Sabadani und Madaja betrifft. Zudem sollen auch 24 in den Irak verschleppte katarische Staatsbürger sowie 1500 Gefangene des Regimes freigelassen werden.

Sprecher der syrischen Opposition hatten die Vereinbarung scharf kritisiert. Die Evakuierung von bis zu 35 000 Menschen, die am Karfreitag begonnen hatte, sei Teil einer «gezielten ethnischen Säuberung». Das Assad-Regime wolle Syrien nach ethnischen und religiösen Kriterien «umgestalten».

Tatsächlich ist es primär die Regierung in Damaskus, die von der Evakuierungsvereinbarung profitiert. Denn mit Sabadani und Madaja hat der von Islamisten dominierte Widerstand seine letzten Hochburgen im Westen von Damaskus verloren. Diese werden in Zukunft vermutlich von der schiitischen Hisbollah kontrolliert werden, deren Kämpfer die Enklaven Fuah und Kefraja verteidigt hatten.

Torpedierung des Evakuierungsabkommens

Selbst oppositionsnahe Medien, wie das Informationsportal des britischen Politologen Scott Lucas, sehen vor diesem Hintergrund Al-Kaida oder dem sogenannten Islamischen Staat nahestehende Gruppen hinter dem Anschlag vom Ostersamstag. Der Hass der Dschihadisten auf Schiiten, die als Ungläubige diffamiert werden, kennt bekanntlich keine Grenzen. Ziel der Attentäter dürfte die Torpedierung des Evakuierungsabkommens gewesen sein. Erreicht haben sie vermutlich das Gegenteil.

Nachdem die USA kurzzeitig das Assad-Regime ins Visier genommen hatten, bekräftigte der Sprecher des US-Aussenministeriums, Mark C. Toner, dass «die Niederschlagung der beiden Terrororganisationen Al-Kaida und Islamischer Staat in Syrien weiterhin oberste Priorität hat».

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