Attentat nährt Furcht vor neuen Anschlägen

Schon seit Monaten haben die französischen Sicherheitsdienste einen Anschlag befürchtet – im Internet riefen Islamisten wiederholt zur «Tötung von Ungläubigen» insbesondere in Frankreich auf.

Drucken
Teilen

Erst vor Weihnachten hatte die Pariser Linksregierung nach gewaltsamen Übergriffen in verschiedenen Städten den Anti-Terror-Plan Vigipirate verstärkt, etwa durch zusätzliche Patrouillen von Soldaten in Innenstädten, Bahnhöfen und Einkaufszentren. Doch alle Vorkehrungen konnten den Anschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitung «Charlie Hebdo» in Paris mit zwölf Todesopfern nicht verhindern.

Die französischen Sicherheitsdienste sind nun in allerhöchster Alarmbereitschaft. Denn Frankreich weiss, dass es besonders im Visier von Extremisten ist. Schliesslich beteiligt sich das Land an den Militäreinsätzen gegen die Organisation Islamischer Staat (IS) im Irak und bekämpft zudem in Afrika mit rund 3000 Soldaten Islamisten in der Sahel-Zone.

Franzosen schliessen sich Dschihadisten an
Experten schliessen nicht aus, dass der Angriff auf «Charlie Hebdo» nur der Beginn einer neuen Serie blutiger Anschläge sein könnte, wie sie Paris in den 1980er Jahren erlebt hat.

Genährt wird diese Furcht durch einen massiven Anstieg der Zahl junger Menschen aus Frankreich, die sich im Irak und in Syrien den IS-Kämpfern anschliessen wollen oder dies bereits getan haben. Diese Zahl sei im Jahre 2014 um 80 Prozent in die Höhe geschnellt, teilte Innenminister Bernard Cazeneuve Ende Dezember mit.

Nach offiziellen Angaben sind derzeit rund 390 Dschihadisten aus Frankreich vor Ort aktiv, von etwa 200 anderen ist bekannt, dass sie diesen Schritt planen, 230 sind offenbar auf dem Weg in den Nahen Osten und etwa 180 sind bereits nach Frankreich zurückgekehrt. Rund 60 islamistische Kämpfer aus Frankreich wurden dem Innenministerium zufolge dort getötet.

Rückkehrer besonders gefährlich
Wie Deutschland und andere europäische Länder sucht Frankreich, wo die rund 4,7 Millionen Muslime 7,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, die Ausreise von Islamisten nach Syrien und in den Irak zu verhindern. Die französische Nationalversammlung verabschiedete kürzlich ein Gesetz, das unter anderem in bestimmten Fällen den Entzug von Pässen vorsieht.

Ausserdem vereinbarte Frankreich mit anderen europäischen Staaten die Kontrollen an den Schengen-Aussengrenzen zu verschärfen. Damit soll nicht nur die Ausreise, sondern vor allem auch die Rückkehr von Islamisten erschwert werden. Denn die heimkehrenden Dschihadisten werden von den Anti-Terror-Fahndern als besonders gefährlich eingeschätzt.

Für sie gebe es nur zwei Optionen, erläutert der französische Experte für islamistische Netzwerke, Romain Caillet: «Entweder sie haben den Kampf aufgegeben, oder sie haben eine Mission.» Manche könnten sich lange unauffällig verhalten und zuschlagen, wenn sie nicht mehr unter Beobachtung stünden. In Syrien lernten die Gotteskrieger aus westlichen Ländern, mit Maschinengewehren umzugehen, erläutert der ehemalige Chef der französischen Anti-Terror-Einheit beim Inland-Nachrichtendienst (DST), Louis Caprioli. Dies habe den Franko-Algerier Mehdi Nemmouche dazu gebracht, im Mai im Jüdischen Museum von Brüssel vier Menschen zu töten.

Es könnte aber noch «viel schlimmer kommen», warnt Caprioli. Die Extremistenorganisation IS könne Vergeltungsschläge für die Luftangriffe der westlichen Verbündeten vorbereiten. «Es ist durchaus möglich, dass sie Teams für Anschläge in westlichen Ländern ausbildet.» (sda)