ATTACKE IN NIZZA: "Der Front National dürfte profitieren"

Terror an der Côte d'Azur: Stefan Brändle, Frankreich-Korrespondent des St.Galler Tagblatts, sagt im Interview, dass der Tatzeitpunkt aus Sicht des Attentäters eine gewisse Logik hatte. Und er verrät, ob er derzeit in den Süden Frankreichs in die Ferien verreisen würde.

Daniel Walt
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Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle. (Bild: pd)

Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle. (Bild: pd)

Herr Brändle, und wieder erschüttert ein Anschlag Frankreich. Was löst die Attacke von Nizza in Ihnen aus?
Stefan Brändle: Ich finde, dass Präsident François Hollande in seiner ersten Reaktion ein passendes Wort für diese Tat gefunden hat. Er hat sie eine Monstrosität genannt.

Sie leben in Paris, Nizza ist Hunderte von Kilometern entfernt. Ist Ihre Gefühlslage jetzt eine andere als nach den Attentaten auf die "Charlie-Hebdo"-Redaktion und das "Bataclan", die ganz in Ihrer Nähe stattfanden?
Brändle: Klar, Nizza ist weit weg, aber eben auch in Frankreich. Und die Terror-Thematik beschränkt sich nicht auf Paris. Von daher sind meine Gefühle dieselben wie bei den Pariser Attentaten.

Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle. (Bild: pd)

Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle. (Bild: pd)

Der Anschlag kommt zu einem eher überraschenden Zeitpunkt: Die Fussball-EM war ohne Terrorattacke zu Ende gegangen. Die perfide Logik des Terrors, dass er genau dann zuschlägt, wenn man es nicht wirklich erwartet?
Brändle: Ja. Aus Sicht des Täters hatte der Zeitpunkt nach dem Abschluss der Euro eine gewisse Logik. 90‘000 Sicherheitskräfte hatten sich auf das Turnier konzentriert. Der Fokus der Behörden lag vor allem auf der EM und nicht mehr so sehr auf dem Nationalfeiertag - oder auch der Tour de France, die ebenfalls ein mögliches Anschlagsziel sein könnte.

France Truck Attack (Bild: Keystone)
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Nice Bastille Day celebrations terror truck attack aftermath (Bild: Keystone)
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Bild: SOEREN STACHE (EPA DPA)
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Aftermath of terror attack in Nice, France (Bild: Keystone)
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Bild: LUCA BRUNO (AP)
FRANCE TRUCK ATTACK (Bild: Keystone)
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Truck crashes into crowd at Bastille Day celebrations in Nice (Bild: Keystone)
ANSCHLAG, AMOKFAHRT, (Bild: Keystone)
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The national flag of France is flown atop Sydney Harbor Bride as a show of solidarity (Bild: Keystone)
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APTOPIX FRANCE TRUCK ATTACK (Bild: Keystone)
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Truck crashes into crowd at Bastille Day celebrations in Nice (Bild: OLIVIER ANRIGO (EPA))
Truck crashes into crowd at Bastille Day celebrations in Nice (Bild: Keystone)
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APTOPIX FRANCE TRUCK ATTACK (Bild: Keystone)
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FRANCE TRUCK ATTACK (Bild: Keystone)
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France Truck Attack (Bild: Keystone)



Vor kurzem hatte François Hollande das Ende des Ausnahmezustandes angekündigt – jetzt wird dieser um drei Monate verlängert. Wie beurteilen Sie diesen Entscheid?
Brändle: Klar, man ist in solchen Situationen ohnmächtig, muss Stärke markieren und zeigen, dass Frankreich alles unternimmt, um künftige Attacken zu verhindern. Trotzdem halte ich François Hollandes Entscheid für einen Schnellschuss. Viele Experten sagen, dass der Ausnahmezustand am Anfang seinen Nutzen hatte – es gab viele Fahndungserfolge, und es konnten auch Anschläge verhindert werden. Längerfristig bringt der Ausnahmezustand aber nicht viel.

Beim Täter handelt es sich um einen 31-jährigen Franko-Tunesier, der bislang nur wegen kleinerer Delikte negativ aufgefallen ist. Was zeigt das aus Ihrer Sicht?
Brändle: Es ist vorstellbar, dass er – wie schon andere vor ihm – den Rezepten der Terrormiliz Islamischer Staat gefolgt ist. Diese propagiert, auch mit einfachsten Werkzeugen möglichst viele Menschen zu töten. Ein IS-Sprecher erwähnte sogar einmal die Möglichkeit, mit Lastwagen Amokfahrten zu unternehmen.

Die Sommerferien sind da, viele Menschen machen Ferien in Südfrankreich. Welche Folgen wird der Anschlag auf den Tourismus haben?
Brändle: Die Attacke trifft Frankreich als Reiseland – schon nach den "Bataclan"-Anschlägen hatte es Stornierungen gegeben. Insbesondere die Luxushotels in Paris hatten grosse Einbrüche zu verzeichnen. Ähnliches dürfte auch jetzt passieren, sodass der französische Tourismus, eine wichtige Säule der Wirtschaft, vermutlich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Was würden Sie einer Schweizer Familie raten, deren Ferien an der Côte d’Azur vor der Tür stehen - reisen oder daheim bleiben?
Brändle:Die Statistik sagt nach wie vor, dass es viel wahrscheinlicher ist, beim Gang über einen Fussgängerstreifen ums Leben zu kommen als bei einem Anschlag. Es gibt so viele mögliche Anschlagsziele, dass es aus Sicht der Opfer einer Lotterie gleichkommt, wen es schliesslich trifft. Man sollte jetzt nicht in Panik verfallen, zumal es aus meiner Sicht risikotechnisch keinen Unterschied macht, ob man jetzt an die Côte d’Azur oder beispielsweise nach Spanien in die Ferien fährt. Aber natürlich: Vorsicht ist angebracht – auch in der Schweiz.

Wie bewerten Sie die politischen Folgen des Attentats? In knapp einem Jahr sind in Frankreich Präsidentschaftswahlen.
Brändle: Wie schon nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und das "Bataclan" dürfte François Hollande kurzfristig etwas profitieren, wenn er jetzt einen guten Eindruck macht. Einen Langzeiteffekt, der bis zu den Präsidentschaftswahlen anhält, wird es aber nicht geben. Von diesem Anschlag werden meiner Meinung nach vielmehr die Konservativen profitieren – und natürlich der Front National.