Atomkraftwerk Fessenheim wird stillgelegt - die Reaktionen sind gespalten

Nach jahrelangen Protesten geht das dienstälteste französische Atomkraftwerk vom Netz. Vom Atomausstieg ist Paris jedoch weit entfernt.

Stefan Brändle aus Paris
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Im Erdbebengebiet und unterhalb der Wasserlinie: Frankreichs dienstältester Atommeiler Fessenheim sorgte lange für rote Köpfe. Nun wird er abgeschaltet.

Im Erdbebengebiet und unterhalb der Wasserlinie: Frankreichs dienstältester Atommeiler Fessenheim sorgte lange für rote Köpfe. Nun wird er abgeschaltet.

Bild: Michele Tantussi/Getty (Fessenheim, 4. März 2016)

Am kommenden Samstag, um genau 2.30 Uhr in der Früh, stoppt Electricité de France (EDF) am Rheinufer den ersten von zwei 900-Megawatt-Meiler, den N.1. In vier Monaten, am 30. Juni, folgt der Reaktor N.2. Dann wird das dienstälteste von 58 französischen Atomkraftwerken keinen Strom mehr produzieren. Endlich!, meinen AKW-Gegner beidseits des Rheins. Warum bloss?, fragen dagegen viele Einwohner des Dorfes Fessenheim.

Der Schliessungsentscheid war hochpolitisch - wegweisend und historisch für die einen, unsinnig und klimaschädlich für die anderen. Tatsache ist: Das 1977 ans Netz gegangene AKW liegt in einer Erdbebenzone. Und es liegt unterhalb der Wasserlinie des Rheinkanals, also in einem Überschwemmungsgebiet. Auf deutscher und schweizerischer Seite war die Angst vor einem Supergau gross.

Atomanteil auf 50 Prozent

Jahrelange Proteste halfen nichts. Fessenheim ist längst amortisiert und liefert mehr Strom denn je. EDF kämpfte deshalb in Paris für eine Laufzeitverlängerung seines hochrentablen Werkes. 2012 hatte Präsident François Hollande im Wahlkampf angekündigt, er wolle den Atomanteil an der nationalen Stromproduktion bis 2025 von 75 auf 50 Prozent senken. Zu dem Zweck werde er als erstes Fessenheim abschalten.

Als seine Amtszeit 2017 zu Ende ging, stand aber immer noch kein Schliessungstermin fest. Nachfolger Emmanuel Macron fand EDF mit einer Entschädigung von 434 Millionen Euro ab. Die Vereinigung „Sortir du nucléaire“ („Aus der Atomkraft aussteigen“) schätzt sie wegen offener Vollzugsklauseln sogar auf 4 Milliarden Euro.

Schliessung pünktlich zu den Wahlen

Damit zahlen letztlich die Steuerzahler, was für Macron zuerst ein wahlpolitischer Akt ist: Um sich mit den Grünen gut zu stellen, legte er die Schliessung des ersten Fessenheim-Reaktors auf den 22. Februar fest, drei Wochen vor den französischen Kommunalwahlen.

Die grüne Partei Europe Ecologie-Les Verts (EELV) begrüsst die Schliessung Fessenheims natürlich. Aber sie weiss, dass dieses wahlpolitische Geschenk nicht den Atomausstieg Frankreichs bedeutet, sondern höchstens eine Diversifizierung. Oder einen «Ausgleich», wie Macron am Mittwoch meinte. Der Präsident ist ein Befürworter der Atomkraft; wie Hollande verspricht er den Atomstromanteil auf 50 Prozent zu senken - aber nicht schon 2025, sondern erst 2035. Dann wird Macron nicht mehr im Elysée regieren.

In der Zwischenzeit soll EDF sogar sechs neue Reaktoren bauen. Einer davon, der neuartige Druckwasserreaktor EPR (European Pressurized Reactor), entsteht derzeit im Normandie-Ort Flamanville. Die Baukosten haben sich aber auf 12,4 Milliarden Euro verdreifacht; die Inbetriebnahme wird ständig aufgeschoben, da die Atomsicherheitsbehörde ASN ständig neue Baumängel findet.

Symbol der Atom-Krise

Flamanville ist ein Symbol für die milliardenteure Krise der französischen Atomindustrie. Erstmals seit den sechziger Jahren, als Charles de Gaulle die energiepolitische Autarkie Frankreichs dank seinem Nuklearkurs ausgerufen hatte, sind die Kernkraftgegner in Frankreich in der Mehrheit: 53 Prozent der Franzosen sprachen sich 2019 in einer Umfrage für den Atomausstieg aus.

Die Atomindustrie wird vor allem als Hemmschuh für die Entwicklung erneuerbarer Energien wahrgenommen. Ein Beispiel: Frankreich verfügt zwar über lange Meeresküsten, doch der Bau von Offshore-Windparks kommt kaum voran. EDF scheint daran bedeutend weniger interessiert zu sein als am Bau neuer Atommeiler. Dank ihnen produziere Frankreich pro Kopf weniger CO2 als etwa Deutschland, meint EDF-Vorsteher Jean-Bernard Lévy.

Auch beim Abbau der Fessenheim-Anlage bekundet Lévy wenig Eile. Anfangs Februar übte die Atomsicherheitsbehörde ASN sogar offen Kritik wegen «ungenügender» Vorbereitung der jahrelangen Stilllegungsarbeiten. Der Abbau von Fessenheim wird nach dem offiziellen Fahrplan erst 2040 fertig sein. Experten rechnen mit einer längeren Dauer.