Atomares Spiegelfechten

Italien ist eines der ganz wenigen Industrieländer, das auf die Nutzung von Atomenergie verzichtet: Ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 hatten sich in einer Volksabstimmung 89,7 Prozent der Stimmberechtigten für den Ausstieg aus der Atomkraft ausgesprochen.

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Italien ist eines der ganz wenigen Industrieländer, das auf die Nutzung von Atomenergie verzichtet: Ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 hatten sich in einer Volksabstimmung 89,7 Prozent der Stimmberechtigten für den Ausstieg aus der Atomkraft ausgesprochen. In der Folge wurden die bestehenden vier Reaktoren stillgelegt. Ein im Bau befindliches Werk konnte noch auf andere Energieträger umgerüstet werden.

Obwohl die Italiener Atom- skeptisch geblieben sind, war der Wiedereinstieg in die Kernenergie eines der zentralen Wahlversprechen Silvio Berlusconis im Wahlkampf 2008 gewesen. Der zweite Infrastruktur-Wahlschlager war der Bau einer gigantischen Hängebrücke über die Meerenge bei Messina. Von der Brücke hat man seither kaum noch etwas gehört. Bezüglich der Atomenergie wurden immerhin einige Gesetze erlassen und Verträge geschlossen, die den Bau neuer Anlagen möglich machen sollten.

Zumindest in der Theorie. In der Praxis war es so, dass die Regierung über zwei Jahre benötigte, um eine Kommission zusammenstellen, welche die Atompläne politisch und technisch begleiten sollte. Büros hat dieses wichtige Gremium bis heute nicht; ihre Mitglieder treffen sich jeweils in einer Bar. Und als es um mögliche Standorte ging, waren die von Berlusconis Partei regierten Regionen die ersten, welche erklärten, dass sie über ausreichend Strom verfügten und deshalb kein AKW auf ihrem Territorium dulden. Das war noch vor Fukushima gewesen.

Heute scheint es ausgeschlossen, dass der politisch angeschlagene Berlusconi den Bau einer derart brisanten Anlage praktisch noch durchsetzen könnte. Seine Regierung schafft es nicht einmal, in Neapel den Widerstand gegen den Bau der dringend benötigten Müllverbrennungsanlagen zu brechen. So gesehen, spielt es keine grosse Rolle, ob die Volksabstimmung gegen die Atomgesetze erfolgreich ist oder nicht: Eher wird in Italien die Brücke über die Strasse von Messina gebaut als ein neues AKW. (str)

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