Assange wehrt sich gegen Auslieferung

Anhörung des Wikileaks-Gründers Julian Assange vor einem britischen Krongericht: Ihm droht die Auslieferung an Schweden, wo ihm verschiedene Sexualdelikte vorgeworfen werden.

Sebastian Borger
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Julian Assange (Bild: ap)

Julian Assange (Bild: ap)

london. Mit einem Angriff auf die schwedische Justiz will der Wikileaks-Gründer Julian Assange seine Auslieferung aus Grossbritannien verhindern. Ein fairer Prozess gegen ihn sei in Schweden «nicht möglich», sagte gestern sein Anwalt Geoffrey Robertson vor dem zuständigen Krongericht von London-Woolwich. Ihm drohe die Auslieferung von Schweden an die USA und dort die Todesstrafe. Dem Internet-Aktivisten wirft die Staatsanwaltschaft sexuelle Nötigung sowie einen Fall von «minder schwerer Vergewaltigung» vor, was Robertson scharf angriff: «Das ist ein Widerspruch in sich. Eine Vergewaltigung kann nicht minder schwer sein.»

Das Internet-Portal Wikileaks hat seit letztem Jahr Hunderttausende US-Dokumente ins Netz gestellt. Gegen den Chef der Enthüllungs-Website, den US-Vizepräsident Biden in die Nähe von «High-Tech-Terrorismus» rückte, ermitteln die US-Behörden anscheinend wegen Anstiftung zum Geheimnisverrat. Assange soll den Gefreiten Bradley Manning zum Kopieren der 250 000 diplomatischen Depeschen angestiftet haben.

Kritik an Auslieferungsgesuch

Die in London verhandelten Vorwürfe gegen Assange gehen auf einen Schweden-Aufenthalt im August zurück. Der Wikileaks-Chef hatte dort mit zwei Frauen Sex – einvernehmlich, wie er beteuert. Die Frauen haben hingegen bei der Polizei angegeben, es sei Nötigung im Spiel gewesen. Eine Stockholmer Anklägerin verwarf den Fall, die Staatsanwaltschaft in Göteborg nahm ihn wieder auf. Das zweite Auslieferungsbegehren – die Erstversion enthielt Formfehler – lautet auf Vergewaltigung, Nötigung und sexuelle Belästigung.

Scharf griff Robertson den schwedischen Anwalt der beiden mutmasslichen Opfer an. Er habe die Ermittlungsakten an interessierte Medien weitergegeben. «In diesem Land sässe er deshalb wegen Missachtung des Gerichts im Gefängnis», sagte Robertson.

Unter englischen Juristen interessiert das Verfahren deshalb stark, weil damit Vorbehalte gegen den EU-weiten Haftbefehl geschürt werden. Selbst Befürworter kritisieren das Auslieferungsbegehren scharf: «Der europäische Haftbefehl sollte nicht dazu dienen, mal zu sehen, ob man jemanden anklagen will oder nicht.»

Wieder grosser Rummel

Der Medien- und Prominenten-Rummel vor dem Krongericht London-Woolwich war auch gestern wieder gross. Zu den prominenten Unterstützern des 39jährigen Australiers gehörten diesmal neben seinem Gastgeber Vaughan Smith und der langjährigen Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger auch der legendäre 85jährige Labour-Linksaussen Tony Benn. Im Gerichtssaal gesichtet wurde ferner der schottische Romanautor Andrew O'Hagan. Dem Vernehmen nach agiert der Literat als Co-Autor für Assanges Autobiographie, die im April erscheinen soll. Der Wikileaks-Chef hatte sich in Interviews mehrfach über seine prekäre Finanzlage beklagt. Sein Buchhonorar wird auf mehrere Hunderttausend Pfund geschätzt; vergangenen Monat schloss er einen Vertrag mit der Londoner Tageszeitung «The Telegraph».

Assanges Verhältnis zu den etablierten Medien ist seit Monaten angespannt. Seine ursprünglichen Kooperationspartner – der Londoner «Guardian», die «New York Times» (NYT) sowie der deutsche «Spiegel» – haben sich alle von ihrem Informanten distanziert und teils wenig schmeichelhafte Berichte über ihre Kontakte mit dem Australier gedruckt. NYT-Chefredaktor Bill Keller berichtete etwa: «Wir haben ihn nie als Partner betrachtet, sondern als schwer einzuschätzenden, manipulativen Informanten.»

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