Assad rechnet mit westlichen Angriffen

Mit einer verbalen Offensive will der syrische Diktator die Bevölkerung darauf vorbereiten und die Verteidigungsbereitschaft stärken.

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Bashar al-Assad prophezeit den USA und ihren Alliierten bei einem Angriff auf Syrien eine Niederlage wie einst in Vietnam. (Bild: epa)

Bashar al-Assad prophezeit den USA und ihren Alliierten bei einem Angriff auf Syrien eine Niederlage wie einst in Vietnam. (Bild: epa)

Syriens Machthaber Bashar al-Assad rechnet nach dem noch immer nicht aufgeklärten strittigen Einsatz von chemischen Kampfstoffen bei Damaskus mit einem militärischen Eingreifen des Westens in seinem Land. Um seine Bevölkerung auf denkbare amerikanische Raketenangriffe vorzubereiten und gleichzeitig die Verteidigungsbereitschaft zu stärken, ging der Diktator verbal in die Offensive. Genau wie einst in Vietnam und in anderen Kriegen würden die USA auch in Syrien einen Fehlschlag erleiden, sagte Assad in einem Interview mit der russischen Zeitung «Iswestija». Die im Westen verbreitete Ansicht, der Einsatz von Chemiewaffen durch die syrischen Truppen sei «bewiesen», nannte Assad «Unsinn» sowie «eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes».

«Kräftegleichgewicht herstellen»

Zuvor hatte Syriens Informationsminister Omar al-Zoabi erklärt, Angriffe mit chemischen Kampfstoffen durch die Regierungstruppen kämen «politischem Selbstmord» gleich. Die Streitkräfte könnten sich auch mit konventionellen Mitteln gegen die Rebellen durchsetzen. Abwehrerfolge im Grossraum Damaskus sowie erfolgreiche Offensiven in der Region von Homs und Deraa stützen diese These.

Selbst der pensionierte amerikanische General Mark Kimmit liess in einem Gespräch mit dem Fernsehsender Al Jazira gestern keine Zweifel daran, dass sich die syrischen Streitkräfte gegenüber den Rebellen gegenwärtig «in einem bedeutenden Vorteil» befinden würden, der «jetzt ausgeglichen» werden müsse. Nach einer Serie von Niederlagen sollten die Aufständischen wieder in die Lage versetzt werden, «eine pro-aktive Rolle auf dem Schlachtfeld zu übernehmen». Voraussetzung dafür sei eine «Wiederherstellung des Kräftegleichgewichts» durch eine «Koalition der Willigen». Allfällige Lenkwaffenangriffe würden sich vor allem gegen die syrische Luftwaffe und gegen Panzerverbände richten.

«Jede Grausamkeit zuzutrauen»

Die Aussagen Kimmits legen nahe, dass die Vorbereitungen für westliche Militärschläge gegen Syrien schon begonnen haben. Die Berichte der UNO-Waffeninspektoren, die gestern auf dem Weg zu den Orten des Massakers von unbekannten Heckenschützen beschossen wurden, will man anscheinend nicht abwarten. Eine klare Schuldzuweisung ist von den Experten ohnehin nicht zu erwarten. Für die meisten westlichen Staaten ist Assad für den Chemiewaffeneinsatz verantwortlich. Nach Ansicht des deutschen Politologen und Nahost-Experten Michael Lüders ist ihm «jede Grausamkeit und Skrupellosigkeit zuzutrauen». «Doch kann es wirklich sein, dass der Diktator in Damaskus so dumm ist, durch den Einsatz von Chemiewaffen vor seiner Haustür eine Militärintervention und damit den eigenen Sturz zu provozieren?», fragt der Wissenschafter.

Vorgehen noch unklar

Die Wahrheit, befürchtet nicht nur Lüders, werde wohl nie zu erfahren sein. Im Stellvertreterkrieg in Syrien geht es um strategische Interessen. Die westlichen und arabischen «Freunde Syriens» wollen die von den «Freunden Assads» geschmiedete Achse Teheran-Bagdad-Damaskus-Beirut zerstören. Was die untereinander zerstrittenen Rebellen nicht schafften, könnte mit einer Militärintervention des Westens angestrebt werden.

Über das Wie wird unter Experten gestritten. Der frühere Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clarke plädiert für ein Vorgehen mit «Zuckerbrot und Peitsche». Nach Militärschlägen, fordert er, müsse man auch für eine «diplomatische Lösung» offen sein. Über einen «gesichtswahrenden Abgang» für Assad könnte an einer Friedenskonferenz in Genf gesprochen werden. Das syrische Regime hatte eine Teilnahme daran bereits im Frühsommer zugesagt. Die Opposition hatte damals die «Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichtes» in Syrien gefordert. Michael Wrase, Beirut