Armin Laschet
So spannend war es seit 1998 noch nie: Merkels Union bangt um die Kanzlerschaft

Die Union droht nach den Merkel-Jahren das Kanzleramt an die SPD zu verlieren. Das liegt auch an CDU-Kandidat Armin Laschet. Der zeichnet nun das Schreckgespenst eines links-grünen Bündnisses.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Die amtierende Regierungschefin Angela Merkel und CDU-Chef Armin Laschet am Samstag in Berlin.

Die amtierende Regierungschefin Angela Merkel und CDU-Chef Armin Laschet am Samstag in Berlin.

Clemens Bilan / EPA/
21. August 2021

Eigentlich war die Wahlkampfveranstaltung von CDU und CSU an diesem Wochenende in Berlin dazu gedacht gewesen, die Reihen in der Union zu schliessen und Zuversicht an die Wählerschaft auszusenden. Doch nun wurde die Veranstaltung durch eine Wählererhebung erheblich gestört: Zeitgleich mit der Parteiveranstaltung veröffentlichte die «Bild am Sonntag» ihren neuesten Sonntagstrend: Demnach würden aktuell gerade noch 22 Prozent für die Union votieren - ein historisches Tief für die über Jahrzehnte so erfolgsverwöhnte Partei um Kanzlerin Angela Merkel.

Noch schlimmer aus Sicht der Christdemokraten: Die Sozialdemokraten haben bei der Wählergunst zur Union aufgeschlossen. Die Lage fünf Wochen vor den Bundestagswahlen: Patt zwischen Union und SPD. Und: Noch nie seit 1998 und dem Sieg Gerhard Schröders (SPD) über Helmut Kohl (CDU) war die Frage, wer nächster Kanzler Deutschlands wird, so offen wie jetzt.

Die Misere der Union hat mehrere Gründe. Zum ersten Mal seit 16 Jahren geht sie nicht mehr mit dem Bonus der Kanzlerin in eine Wahl. Die schlechten Umfragewerte hängen nicht zuletzt aber auch mit dem Auftritt des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zusammen. Der 60-jährige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen geniesst bei der Basis wenig Rückhalt, das zeigte sich schon beim Ringen um die Spitzenkandidatur im Frühjahr, als beinahe der beim «Parteivolk» weit beliebtere CSU-Chef Markus Söder zum Kanzlerkandidaten erhoben worden war. Danach kam in Westdeutschland die Flut und Laschets unglückliches Agieren im Katastrophengebiet, als er im TV fröhlich lächelnd zu sehen war.

Scholz sticht Laschet aus

Laschets Problem ist darüber hinaus, dass er das von ihm ausgerufene «Modernisierungsjahrzehnt» nicht wirklich verkörpert. Viel eher steht Laschet für ein Weiter-so mit einer Union aus altbekannten, momentan bei der Wählerschaft nicht sonderlich beliebten Gesichtern wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier oder Gesundheitsminister Jens Spahn. Fatal sind Laschets Werte auch bei der Frage, wen die Deutschen zum Kanzler wählen würden: Laschet rangiert mit 12 Prozent an dritter Stelle, knapp hinter der grünen Kandidatin Annalena Baerbock. Die höchste Kanzlerzustimmung geniesst SPD-Kandidat und Finanzminister Olaf Scholz: 34 Prozent würden den Genossen zum Merkel-Nachfolger machen, hätten sie die Gelegenheit dazu, den Kanzler direkt zu wählen. Wenig tröstlich: 30 Prozent würden für keinen der drei votieren.

Aus dem Trio mit Kanzlerambitionen ist ein Duo geworden: Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz.

Aus dem Trio mit Kanzlerambitionen ist ein Duo geworden: Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz.

Malte Ossowski
www.imago-images.de

Freilich: Umfragen sind volatil und können rasch drehen. Scholz profitiert von seiner Regierungserfahrung, er ist aktueller Finanzminister und Vizekanzler. Zudem belasten ihn politische Vorwürfe kaum, da diese die hochkomplexe Finanzwelt betreffen und für Laien kaum zu verstehen sind.

Laschet ergreift nun die Flucht nach vorne und schwört einen Lagerwahlkampf herauf: In dem er von einem roten Kanzler Scholz warnt, der einem links-grünen Bündnis aus SPD, Grünen und Linkspartei vorsteht:

«Ich werde kämpfen mit allem, was ich kann, dass dieses Land nicht von Ideologen übernommen wird.»

Laschet malte das Bild einer drohenden links-grünen Regierung, die Klimawandel durch Verbote durchsetzen, die Steuern erhöhen und Eigentümer enteignen wolle. Zudem sei die deutsche Aussen- und Sicherheitspolitik mit einer Nato-skeptischen Linkspartei in der Regierung nicht mehr vereinbar. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit drohe «den Bach» runterzugehen, warnte Lachet und sprach von «rot-rot-grünen Spielereien».

Absturz der grünen Hoffnungsträgerin

Tatsächlich ist die Ausgangslage bei den Wahlen 2021 so spannend wie lange nicht. Mehrere Regierungs-Bündnisse sind nach jetzigem Stand möglich, nicht wenige ohne die seit 16 Jahren regierende Union, die sich nach den Merkel-Jahren plötzlich in der Opposition wieder finden könnte. Darunter auch die so genannte «Ampel» aus Grünen, SPD und FDP mit einem Kanzler Scholz oder einer Kanzlerin Baerbock, sollte sich die einstige Hoffnungsträgerin der Grünen doch noch aufrappeln. Danach sieht es allerdings nicht. Die Öko-Partei kommt auf Werte von 17 bis 19 Prozent - ein Absturz um zehn Prozent zum Frühjahr. Vermutlich wird Baerbocks mangelnde Regierungserfahrung von der Wählerschaft nun doch höher gewertet. Die Grünen dürften die Union kaum mehr von der Spitze verdrängen können.

Nach wie vor hält Laschet die besten Karten in der Hand. Die Angst vor links-grünen Experimenten oder bislang für Berlin unbekannten Koalitionen wie einer «Ampel» mit der SPD und den Grünen in einer künftigen Regierung könnten Konservative am Ende dazu bewegen, ihr Kreuz doch bei der Union zu machen. «Es ist fundamental, wer regiert», rief Laschet am Samstag seine Partei zur Geschlossenheit auf. Allerdings spürt der Christdemokrat den Atem des Genossen Olaf Scholz in seinem Nacken.

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