Arbeiten – wie die Queen

Die Briten dürfen bald über das Rentenalter hinaus arbeiten. Firmen können sie nicht mehr einfach aufs Altenteil schicken. Viele allerdings müssen länger arbeiten.

Sebastian Borger
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Royale Arbeit: Englands Königin trifft Kinder. (Bild: ap/Matt Dunham)

Royale Arbeit: Englands Königin trifft Kinder. (Bild: ap/Matt Dunham)

london. Mit 80 ein wenig kürzer- treten oder sogar in Rente gehen? Das komme für ihn nicht in Frage, sagt Bernie Ecclestone, seit Jahrzehnten Chef der Formel 1, und begründet dies auf originelle Weise: «Das kann ich mir gar nicht leisten.» In der jüngsten Statistik der «Sunday Times» wird der 80-Jährige zwar mit einem Vermögen von 1,47 Milliarden Pfund geführt. Doch Reichtum verpflichtet: Gerade haben sich seine Töchter, 26 und 22, Häuser für insgesamt 101 Millionen Pfund gekauft, was selbst dieser Herr Papa nicht aus der Portokasse bestreiten kann. Also lautet das Motto des stadtbekannten Workaholic: «Business as usual».

«Form von Diskriminierung»

Die Entscheidung zum Weiterarbeiten bis ins hohe Alter war bisher ein Privileg von Freiberuflern wie dem Milliardär Ecclestone. Jetzt hat die konservativ-liberale Regierung eine Reform angekündigt, die auch Angestellte vom «Verrentungs-Zwang» befreit. Zukünftig können Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht mehr aufs Altenteil schicken, nur weil diese das Rentenalter von derzeit 65 Jahren (Männer) oder 60 Jahren (Frauen) erreicht haben. «Es wird höchste Zeit, dass wir mit dieser überholten Form von Diskriminierung Schluss machen», sagt der liberale Arbeits-Staatssekretär Edward Davey.

Obwohl bereits zwei Drittel aller Unternehmen auf der Insel ohne festes Rentenalter auskommen, äussern sich die Arbeitgeber-Organisationen skeptisch. Neil Carberry vom Unternehmer-Verband CBI ärgert sich vor allem über die kurzen Fristen, schliesslich soll die neue Regelung schon von Oktober an gelten. Die Ausnahmeregeln für Berufe wie Fluglotsen oder Polizeibeamte, die auch weiterhin zwangsweise bei einem bestimmten Alter in den Ruhestand geschickt werden können, hält Carberry für schlecht definiert: «Da entsteht ein juristisches Minenfeld, was Arbeitgeber abschrecken wird.»

Offiziellen Statistiken zufolge gehen schon jetzt mehr als 850 000 Briten im Rentenalter weiter einer Erwerbstätigkeit nach. Grosse Supermarkt-Ketten suchen gezielt nach Leuten über 50. Diese halten ihrem Arbeitgeber länger die Treue, klauen weniger und sind seltener krank als ihre jüngeren Kollegen. Der Trend zur Arbeit im höheren Alter lässt sich längst nicht nur mit Altersarmut erklären, die es auf der Insel natürlich auch gibt. Immer mehr Rentner fühlen sich wie ein 80jähriger Angestellter bei Sainsbury's in London: Den Ruhestand fand er «toll, aber ich konnte nicht stillsitzen. Schliesslich habe ich mein ganzes Leben hart gearbeitet.»

Die Queen als Vorbild

Andere können sich das Stillsitzen nicht leisten, schliesslich liegt die Mindestrente (nach 30 Jahren Einzahlung) bei kümmerlichen 423,15 Pfund pro Monat (647,15 Franken). Künftig wird der hoch verschuldete Staat noch knauseriger: Das Rentenalter für Frauen steigt bis 2018 schrittweise von 60 auf 65 Jahre, von 2020 an bekommen erst 66-Jährige ihre Rente. Das hat mit dem schier unaufhaltsamen Anstieg der Lebenserwartung zu tun. Erst kürzlich hat eine Studie jedem 20. heute lebenden Briten prophezeit, er oder sie werde mehr als 100 Jahre alt werden. Sollte die Entwicklung so rasant weitergehen wie bisher, dürfte die Regierung ihre gemächliche Gangart bald beschleunigen. Bisher ist geplant, dass das Rentenalter erst in 25 Jahren auf 67 Jahre und 2046 auf 68 Jahre steigen soll.

Rüstige Briten können sich schliesslich auf ein prominentes Vorbild berufen: Auch die gerade zur Urgrossmutter avancierte Queen denkt nicht ans Aufhören. Die 84jährige Elizabeth II. hat mitteilen lassen, sie werde ihren Job der Tradition gemäss bis zum Tode ausüben. So weit will wohl nicht einmal Formel-1-Herrscher Ecclestone gehen.