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Saudi-Arabien: Frauen dürfen ab Sonntag ans Steuer

Am Sonntag fällt das Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien. Die Vorfreude bei den zukünftigen Fahrerinnen ist gross – doch dies ist nur der erste Schritt in Richtung Gleichberechtigung.
Martin Gehlen, Tunis
Arabische Frauen konnten an Infoanlässen erste Fahrerfahrungen an Simulatoren sammeln. (Bild: Sean Gallup/Getty (Jeddah, 21. Juni 2018))

Arabische Frauen konnten an Infoanlässen erste Fahrerfahrungen an Simulatoren sammeln. (Bild: Sean Gallup/Getty (Jeddah, 21. Juni 2018))

Noch herrscht auf Riads Strassen das gewohnte Bild. Wo man hinschaut, sitzen Männer am Steuer. Doch der Countdown läuft, die Reformuhr tickt. Am kommenden Sonntag dürfen zum ersten Mal auch Frauen ans Lenkrad – für den Rest der Welt eine ­Selbstverständlichkeit, für Saudi-­Arabien eine kleine Revolution. Vor neun Monaten, Ende September 2017, kündigte das Königshaus diese spektakuläre Wende an, am 24. Juni wird sie nun Realität.

Zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung will nach ersten Umfragen schon bald den Führerschein machen, einige hundert Dokumente wurden bereits ausgestellt. Die fünf bisher offiziell lizenzierten Fahrschulen für Frauen können sich nicht retten vor Anfragen. Allein die Einrichtung im ostsaudischen Dhahran, die 45 Fahrlehrerinnen beschäftigt, führt 13000 Interessentinnen auf ihrer Warteliste. Mindestens 30 Fahrstunden für umgerechnet 600 Euro sind Pflicht, die bisher auf speziellen Parcours fern der Hauptverkehrsstrassen absolviert werden mussten. Die ersten weiblichen Prüflinge präsentierten bereits stolz im Internet ihre neuen Führerscheine. Autosalons, wie Mercedes-Benz in Riyadh, registrierten in den letzten Wochen mehr und mehr Besucherinnen, die das Angebot musterten. Auch die Videokampagne «She’s Mercedes» des deutschen Konzerns wirbt jetzt mit saudischen Frauen. Spezielle Nummernschilder für Autos jedoch, die von Frauen gekauft werden, soll es nicht geben, versicherte das Verkehrsministerium. Auch die neuen Schilder an den Ausfallstrassen mahnen jetzt beide Geschlechter gleichermassen. «Liebe Brüder, liebe Schwestern am Lenkrad, Verkehrsregeln sind zu beachten, schützt euer Leben und das Leben der anderen», steht dort geschrieben.

Aktivistinnen werden verhaftet

Empfindlich getrübt jedoch wird die Euphorie über die neuen Freiheiten durch die Verhaftung und die bizarre Schmutzkampagne regierungstreuer Medien gegen prominente einheimische Frauenrechtlerinnen, die drei Generationen angehören. Zeitungen druckten Fotos von Eman al-Nafjan, Loujain al-Hathloul und Aziza al-Yousef mit roten Stempeln, «Verräter», quer über dem Gesicht. Zwar wurden sieben der bisher neunzehn Verhafteten wieder auf freien Fuss gesetzt, unter anderem die 70-jährige Veteranin im Kampf um das Lenkrad, Aisha al-Mana, die an den Folgen eines Schlaganfalls leidet. Aber die staatliche Unterdrückung geht unvermindert weiter. Auch diese Woche wurden wieder zwei Aktivistinnen aus ihren Wohnungen geholt, weil sie sich auf Facebook für die Angeprangerten eingesetzt hatten.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben vier Frauen und fünf Männer inzwischen gestanden, «mit Einzelpersonen und Organisationen kommuniziert und kooperiert zu haben, die dem Königreich feindlich gesinnt sind». Sie sollen demnächst vor ein Spezialgericht für Terrortaten gestellt werden. Editorials bezichtigten die Verhafteten, unentschuldbare Verbrechen begangen zu haben und Agenten ausländischer Botschaften zu sein. «Wer immer das Heimatland für eine Handvoll Geld verscherbelt, hat keinen Platz unter uns», hiess es in den landauf, landab gedruckten Hetzartikeln. Andere forderten kurzerhand, alle mit dem Schwert hinzurichten.

Die Botschaft an die Gesellschaft ist damit klar: Bürgerrechte in Saudi-Arabien werden von oben gewährt und nicht von unten erkämpft. Politischer Aktivismus und offene Reformdebatten sind tabu in der absolutistischen Monarchie auf der arabischen Halbinsel. Entsprechend schockiert reagierten international bekannte Vorkämpferinnen wie Manal al-Sharif, die seit einiger Zeit in Australien lebt. «Mein Optimismus liegt zerschmettert am Boden», twitterte sie. Es sei skandalös, die Verhafteten des Hochverrates zu beschuldigen. Deren einziges «Verbrechen» sei, gegen das männliche Vormundschaftsrecht und gegen die systematische Diskriminierung zu kämpfen, «der wir Frauen jeden Tag unseres Lebens ausgesetzt sind». Denn das Thema Autofahren ist längst nicht das Einzige, was die weibliche Bevölkerung aufregt. Praktisch in allen Lebensbereichen haben Väter, Ehemänner, Onkel oder Söhne das Sagen. Zwar wurden einige Bestimmungen des drakonischen Vormundschaftsrechts in letzter Zeit etwas gelockert. Doch nach wie vor dürfen Frauen nicht ohne Einwilligung ihres männlichen Vormunds heiraten, ein Studium beginnen oder reisen, einen Pass beantragen oder sich einem medizinischen Eingriff unterziehen.

Streit um Fernsehsoap

Parallel dazu tobt in der Heimat des Propheten Mohammed ein Kampf um die Deutungshoheit des jüngsten Reformgeschehens, der sich an der Ramadan-Soap «Al-Asouf» entzündete, der populärsten Abendserie während des vergangenen Fastenmonats. Die Handlung spielt in den siebziger Jahren und zeichnet das Bild einer moderat-konservativen, aber durchaus offenen saudischen Gesellschaft, in der es auch Flirts, Alkohol, Barbesuche und Seitensprünge gab, bis 1979 die sittenstrenge Predigerkaste mit ihrer strikten Geschlechtertrennung und ihrer verkrampften ­Moral das Ruder übernahm. «Wir waren nicht so», beteuert auch Thronfolger Mohammed bin Salman gerne, wenn er auf die drei zurückliegenden ultrakonservativen Jahrzehnte seiner Heimat zu sprechen kommt. «Wir wollen nur zurückkehren zu dem, was vorher war, zu einem moderaten Islam, der offen ist für die Welt und offen für andere Religionen und Völker.» Der prominente Kleriker Abdulbaset Qari dagegen hält die umstrittene TV-Produktion für verderbliche Nostalgie. Das Bild einer Gesellschaft, die die Vermischung der Geschlechter, die Ehebruch und uneheliche Kinder akzeptiere, sei eine Katastrophe, wetterte er in einer Videobotschaft.

Für viele saudische Neufahrerinnen dagegen steht jetzt vor allem ihre Premiere am kommenden Sonntag im Vordergrund, wie eine 24-Jährige der Zeitung «Saudi Gazette» anvertraute. Sie werde an diesem Tag als erstes zu dem Haus ihrer Mutter fahren und diese zu einem Autoausflug abholen. «Ich will diesen Tag mit meiner Mutter ­geniessen, nur meine Mutter und ich – und sonst niemand.»

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