Araber und Iran misstrauen der türkischen Regierung

ARBIL. Es werden vermutlich noch einige Wochen vergehen, bis klar ist, wo und wie türkische Truppen künftig in den südlichen Nachbarstaaten Syrien und Irak agieren.

Michael Wrase
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ARBIL. Es werden vermutlich noch einige Wochen vergehen, bis klar ist, wo und wie türkische Truppen künftig in den südlichen Nachbarstaaten Syrien und Irak agieren.

Dennoch haben die Kommentatoren arabischer und iranischer Medien bereits zu verstehen gegeben, dass sie die Neuausrichtung der höchst ambivalenten türkischen Aussenpolitik mit Sorge und grossem Misstrauen beobachten.

Harte Kritik arabischer Medien

Proteste der Damaszener Staatsmedien, die Erdogan Neo-osmanischen Kolonialismus gegen das arabische Syrien und ganz Arabien vorwerfen, waren zu erwarten. Dass auch die ägyptische und saudische Presse den Türken unterstellt, es auf Arabien abgesehen zu haben, kommt jedoch überraschend. In Kairo und Riad befürchtet man anscheinend, dass die Türkei nun ohne ihre arabischen Verbündeten in Syrien – und womöglich auch in Irak – vollendete Tatsachen schaffen will.

«Erdogan will Syrien annektieren», behaupteten gestern Militärexperten im iranischen Fernsehen «Press TV». Der Sender meldete die Eröffnung einer offiziellen Botschaft des «Islamischen Staats» in Ankara. Offizielle der Terrororganisation könnten sich in Ankara inzwischen ungehindert bewegen. Und im Fernsehen von Abu Dhabi verkündeten Talkshow-Gäste gar, IS-Milizen würden der türkischen Armee den Weg nach Süden versperren. Dass Verschwörungstheorien in politisch ungewissen Zeiten Konjunktur haben, ist nicht weiter verwunderlich. Sie sind Ausdruck tief sitzender Ängste. Jahrzehntelang war es Israel, dem arabische Staaten Expansionsgelüste unterstellten. Seit einer Woche ist plötzlich der «unberechenbare Erdogan» der Buhmann.

Vorerst profitiert der IS-6

Nutzniesser der arabischen Konfusion und Ratlosigkeit sind im Moment noch die IS-Jihadisten. Trotz amerikanisch-arabischer Luftschläge können sie ihren Eroberungsfeldzug in Syrien und dem Irak fortsetzen. Gestern brachten die IS-Kämpfer das zentral-irakische Hit unter ihre Kontrolle. 90 Prozent der strategisch wichtigen Stadt am Euphrat seien von den Kämpfern des IS überrannt worden, sagte ein Mitglied des Provinz-Rates.

Gut 300 Kilometer weiter nördlich stehen die IS-Milizen vor den Toren der syrischen Grenzstadt Kobane. Auch dort konnte die US-geführten Luftangriffe den IS nicht stoppen.

Noch ist Kobane nicht gefallen. Die kurdischen Verteidiger bereiten sich auf einen Häuserkampf vor. Der verzweifelte Überlebenskampf der Grenzstadt sowie die bisherige Weigerung der Türkei, den Bewohnern zu helfen, habe Millionen von Kurden «tief traumatisiert», sagte der türkische Strategie-Experte Cenk Sidar. Es werde daher sehr lange dauern, bis das verlorene Vertrauen wiederhergestellt sei.

Ob die türkische Armee, deren Panzer längst in Schussweite zur kurdischen Stadt an der Grenze stehen, in den kommenden Tagen dem IS Paroli bieten wird, ist noch ungewiss.