Interview

Anwalt des Whistleblowers: «Edward Snowden wird ein Held sein»

Für Robert Tibbo gibt es ein Leben vor und nach Edward Snowden. Als Anwalt des bekanntesten Whistleblowers der Welt bezahlt er einen hohen Preis. Für seinen Klienten kämpft er heute aus seinem Exil in Frankreich. 

Roman Schenkel, Marseille
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Robert Tibbo im alten Hafen von Marseille. (Bild: Benjamin Bechet, 23. November 2018)

Robert Tibbo im alten Hafen von Marseille. (Bild: Benjamin Bechet, 23. November 2018)

Hätte Robert Tibbo einen tiefen Schlaf, er würde heute ein ganz anderes Leben führen. Doch das ist nicht der Fall. Der kanadische Menschenrechtsanwalt ist rund um die Uhr für seine Klienten erreichbar. Er beantwortet Telefonanrufe selbst zu Unzeiten. So auch am 10. Juni 2013 am frühen Morgen. Am Apparat: ein 29 Jahre alter Computer-Nerd namens Edward Snowden, der Hilfe brauchte. Der ehemalige Agent des amerikanischen Geheimdienstes und Angestellte der National Security Agency (NSA) war auf seiner Flucht in Hongkong gestrandet. In seinem Gepäck: vier Computer, USB-Sticks und 1,7 Millionen geheime Dokumente. Snowden konnte belegen, dass die NSA die eigene Bevölkerung und jede einzelne Regierung der Welt ausspionierte. Es begann die grösste Spionageaffäre der Geschichte.

Wieso hat Edward Snowden gerade Sie ausgewählt?

Robert Tibbo: Edward Snowden brauchte einen Anwalt in Hongkong und zwar schnell.

Er hat Sie aber sicherlich aus einem bestimmten Grund ausgewählt.

Ich habe mich in Hongkong zu dieser Zeit stark für Flüchtlinge eingesetzt, die politisches Asyl wollten und gegen ihre Ausschaffung kämpften. In der Flüchtlingsgemeinde war ich bekannt. Wenn ein Flüchtling einen Anwalt gesucht hat, war mein Name stets einer der ersten, der fiel. Edward Snowden war ein Flüchtling.

Haben Sie gezögert, als er Sie um Hilfe bat?

Nein, keine Sekunde. Ich wusste in dem Moment, dass dies mein Leben verändern würde. Allerdings realisierte ich damals nicht, wie fest.

Fast auf den Tag genau, sechs Jahre später, sitzt Robert Tibbo, 55, an einem Tisch in einem Restaurant im alten Hafen von Marseille. Angereist ist er aus einem Dorf knapp 100 Kilometer von der französischen Hafenstadt entfernt. Dort lebt der kanadische Anwalt in einem Haus eines Freundes im Exil. Wo genau, will er nicht sagen. Tibbo ist vorsichtig. Auf eine Kreditkarte oder ein Handy mit SIM-Karte verzichtet er, Einkäufe tätigt er in bar. Im Dorf, das drei Bäckereien und ein kleines Restaurant zählt, sei es sehr ruhig. Gut für jemanden wie Tibbo. Sein Leben ist turbulent genug.

Noch vor zwei Jahren lebte er zusammen mit seiner Frau in einem Haus auf einer Insel ausserhalb Hongkongs. Nach einer Karriere als Anwalt in der Finanzindustrie hatte sich Tibbo über die Jahre als Experte für Menschenrechte einen Namen gemacht. Er vertrat zahlreiche Asylsuchende in Hongkong und gewann so das Vertrauen dieser marginalisierten Gruppe. Tibbos Klienten: Flüchtlinge aus Sri Lanka, Vietnam, Indonesien, Pakistan, Bangladesch oder von den Philippinen – allesamt fragile und traumatisierte Männer und Frauen, die in ihren Heimatländern von Folter oder Tod bedroht sind. In den heruntergekommensten Teilen der Stadt drängen sich die Flüchtlinge zusammen. 12 000 Personen sollen es gemäss der Regierung Hongkongs sein, Tibbo schätzt diese Zahl als viel zu tief ein. Die Asylanträge sind meist chancenlos – weniger als 0,5 Prozent aller Asylanträge werden im Schnitt angenommen. «Es ist schon ein Erfolg, wenn ich mit einem Fall vor Gericht erscheinen darf», sagt Tibbo.

Und genau im Herzen dieser elenden Slums plante der listige Anwalt, seinen amerikanischen Mandanten zu verstecken. «Weil dort niemand nach ihm suchen würde», so sein Kalkül. Am Abend des 10. Juni 2013, bei Einbruch der Dunkelheit, organisierte er die Flucht aus dem Hotel, in dem sich Snowden versteckt hielt und das bereits von den Medien belagert wurde. Es habe schnell gehen müssen. Die Gefahr, dass «Ed», wie Tibbo seinen bekanntesten Klienten nennt, gefasst wurde, sei hoch gewesen. Snowden selber sagte später, er habe seine Chance zu entkommen auf null Prozent geschätzt. Mit gutem Grund: Nachdem er im Interview mit dem «The Guardian» seine Identität bekannt gegeben hatte, waren alle hinter ihm her. Die USA, China, die Medien, die Geheimdienste anderer Länder. «Es war die grösste Menschenjagd der Welt», sagt Tibbo. Doch mit Glück und Geschick gelang es ihm und einer Gruppe von Helfern, Snowden unerkannt aus dem Hotel zu schleusen.

Zuerst habe er für Snowden beim Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) einen Asylantrag gestellt, um zu verhindern, dass er an die USA ausgeliefert wird. Darauf bat Tibbo seine Klienten aus den Slums um Hilfe. Drei Flüchtlingsfamilien hätten sich bereit erklärt, Snowden aufzunehmen. Von Flüchtling zu Flüchtling. 13 Tage verbringt der Whistleblower bei ihnen, am
23. Juni 2013 reist Snowden heimlich weiter nach Moskau. Eigentlich wollte er nach Südamerika. Doch beim Transit am Moskauer Flughafen musste er feststellen, dass sein Pass bereits von den USA annulliert worden war. In 21 Staaten stellt der Whistleblower darauf Asylanträge, gemäss Tibbo auch in der Schweiz. Der Asylantrag sei jedoch abgelehnt worden. Das Bundesamt für Migration hat allerdings keine Kenntnis von einem Asylantrag, wie es auf Anfrage mitteilt. Auch in anderen Staaten blieb Snowden ohne Erfolg. Noch heute befindet er sich in Russland.

Weshalb kamen Sie auf die Idee, Edward Snowden bei Ihren Klienten unterzubringen?

Flüchtlinge werden in Hongkong nicht beachtet. Sie werden von der Regierung wie Kriminelle behandelt. Sie werden marginalisiert, diskriminiert. Sie leben in Armut, zuunterst auf der sozialen und finanziellen Stufe. Doch sie haben sich sofort bereit erklärt zu helfen. Ich war überzeugt, niemand würde ihn da vermuten.

Wussten die Flüchtlingsfamilien, wen sie da aufgenommen haben?

Sie wussten, dass Edward Snowden von seinem Heimatland verfolgt wurde. Dass er ein politischer Flüchtling ist – wie sie. Sie hatten schon vorher vielen anderen Flüchtlingen geholfen. Snowden war für sie nur ein weiterer Flüchtling in Not.

Sie haben Ihre Klienten damit in Gefahr gebracht.

Ich bereue nicht, was ich getan habe. Bei allem, was ich weiss, was passiert ist: Ich würde es wieder tun. Ich empfinde ihnen gegenüber aber eine tiefe moralische Verantwortung. Es stimmt mich sehr traurig, wenn ich sehe, wie die Regierungen von Hongkong, aber auch von Kanada mit ihnen umgesprungen sind. Meine Klienten bereuen ihre Hilfe ebenfalls nicht. Sie würden Snowden erneut bei sich verstecken.

Mit ihrer Solidarität haben die Flüchtlingsfamilien ihr Schicksal jedoch stark verändert. In den ersten Jahren nach Snowdens Flucht blieben die Umstände der «wilden Tage in Hongkong», wie sie Tibbo bezeichnet, ein gut gehütetes Geheimnis. Erstmals beleuchtet wurde die zentrale Rolle der Flüchtlingsfamilien und diejenige ihres Anwalts im Hollywood-Film «Snowden» des preisgekrönten Regisseurs Oliver Stone. 2016 feierte der Film Premiere. Der «Platoon»-Regisseur gab später in einem Interview an, von Edward Snowden von den Flüchtlingen erfahren zu haben.

Obwohl ihre tatsächlichen Identitäten im Film nicht bekannt gegeben werden, empfahl Tibbo seinen Klienten, an die Öffentlichkeit zu gehen. «Ich dachte, wenn sie der Öffentlichkeit bekannt sind, macht sie das sicherer», erklärt er seinen Ratschlag. Ein Trugschluss: «Ab diesem Zeitpunkt begann es hässlich zu werden», erzählt er. «Snowdens Schutzengel», wie sie inzwischen genannt wurden, mussten für ihre Zeit im Rampenlicht einen hohen Preis zahlen.

Die drei Familien – ein sri-lankisches Ehepaar mit zwei Kindern, ein ehemaliger sri-lankischer Soldat und eine philippinische Frau und ihre Tochter – kamen zu verschiedenen Zeitpunkten nach Hongkong, ihre Asylanträge waren seit über fünf Jahren in der Schwebe. Doch 2016, wenige Tage nach der Veröffentlichung ihrer Rollen in der Snowden-Affäre, brachte die Einwanderungsbehörde innerhalb kürzester Zeit alle ihre Fälle vor Gericht. In Hongkong sind das selten gute Nachrichten.

Snowdens Schutzengel (von links): Vanessa Mae Rodel mit Tocher Keana (vorne links), Ajith Pushpa, sowie das Ehepaar Nadeeka und Supun Thilina mit ihren Töchtern Dinath  und Sethumdi (vorne rechts). (Bild: Jayne Russel)

Snowdens Schutzengel (von links): Vanessa Mae Rodel mit Tocher Keana (vorne links), Ajith Pushpa, sowie das Ehepaar Nadeeka und Supun Thilina mit ihren Töchtern Dinath  und Sethumdi (vorne rechts). (Bild: Jayne Russel)

Das Leben dieser Flüchtlinge in Hongkong ist seither erheblich komplizierter geworden. «Jeden Monat», erklärt ihr Anwalt, «müssen sie zur Einwanderungsbehörde kommen und eine Anwesenheitsliste unterschreiben. Die Polizei überwacht sie permanent und hält sie wiederholt ohne ersichtlichen Grund an. Im vergangenen Jahr wurden sie in nicht gekennzeichnete Autos gezwungen und auf der Polizeiwache über Edward Snowden verhört – ohne die Anwesenheit eines Dolmetschers oder eines Anwalts.» Noch fünf Jahre später durchsuchen die Ermittler ihre Handys nach Daten. Sie erhoffen sich, doch noch irgendwo Unterlagen des entwischten Whistleblowers zu finden. Auch finanziell machten die Behörden Druck auf die «Schutzengel»: Ihre finanziellen Unterstützungsleistungen, welche die Organisation International Social Services mit Sitz in Genf im Auftrag Hongkongs ausbezahlt, wurden gestoppt.

Tibbo selbst geriet ebenfalls ins Visier der Behörden. Bei der Honkong Bar Association, der Aufsichtsbehörde für Rechtsanwälte, gingen anonyme Beschwerden gegen ihn ein. Die Aufsichtsbehörde und die Regierung hätten nicht aufgehört, sich in seine Dossiers einzumischen. Schliesslich bezichtigte die Polizei ihn der Lüge sowie der Anstiftung zur Falschaussage. «Ich spürte, dass sie mich finanziell und privat vernichten wollten.» Da wusste Tibbo, dass es Zeit war, die Stadt zu verlassen. Zuerst organisierte er die Flucht seiner Frau nach Kanada, sie nahm die drei Katzen und den Sibirischen Huskeys mit. Ende November 2017, begleitet von der Organisation Lawyers Without Borders Canada und dem kanadischen Konsulat, verliess auch Tibbo die Stadt, in der er fast 30 Jahre lang gelebt hatte.

Bereuen Sie, dass Sie Edward Snowden als Klienten angenommen haben?

Nein, auf keinen Fall. Ich mache nur meine Arbeit, und es sind die Behörden, die sich schlecht benehmen. Und schliesslich habe ich mich dafür entschieden, Anwalt zu werden, ich habe mich dafür entschieden, mich dabei für die Grundrechte von Menschen einzusetzen. Man kann versuchen, mich zu korrumpieren oder zu bedrohen. Stoppen lasse ich mich davon aber nicht.

Robert Tibbo (r.) mit Edward Snowden in Moskau. (Bild: NY Jennifer, 26. Juli 2016)

Robert Tibbo (r.) mit Edward Snowden in Moskau. (Bild: NY Jennifer, 26. Juli 2016)

Seine Kanzlei in Hongkong hat Tibbo behalten. Zurück kann er jedoch nicht mehr. Wenn er mit seinen Klienten vor Gericht erscheinen muss, übernimmt dies ein Anwaltskollege. «Das Risiko, dass ich verhaftet werde, ist zu gross.» In Frankreich hat er sich ein ‹Nomadenbüro› eingerichtet und arbeitet an seinen Fällen, und das trotz des Zeitunterschieds zwischen Hongkong, wo sich seine Kunden aufhalten, und Kanada, wo seine Frau lebt. Sie hat vorerst kein Visum für den Schengenraum erhalten und lebt auf einer Farm in Kanada. «Ich habe sie in den letzten zwei Jahren nur sechs Monate lang gesehen», so Tibbo, der nicht glaubt, dass es ein Zufall ist, dass seiner Partnerin das Visum zweimal nicht erteilt wurde. Doch Frankreich sei ein guter Standort für ihn. Er hat viele Termine und Konferenzen in Europa und hat bis vor kurzem in Österreich auch einen Lehrauftrag gehabt.

Snowdens «Schutzengel» konnten sich dank Spenden von «For the Refugees», einer in Montreal ansässigen NGO, über Wasser halten. «Sie laufen aber Gefahr, jederzeit in ihr Herkunftsland abgeschoben zu werden», sagt der Anwalt. Mit Hochdruck hat er versucht, für seine Klienten politisches Asyl in Kanada zu erhalten. Doch Ottawa wollte sich nicht bewegen. Der Druck aus den USA sei wohl sehr gross, vermutet Tibbo. Doch er hat nicht aufgegeben, und im März dieses Jahres erzielte er einen ersten Erfolg: Zwei seiner sieben Mandanten, Vanessa Rodel und ihre Tochter Keana, erhielten in Kanada Asyl und leben nun in Montreal. «Das Gefühl, als sie in Kanada gelandet sind, war unbeschreiblich», sagt Tibbo. Die in Hongkong verbliebenen fünf «Snowden-Flüchtlinge» hoffen, dass ihre Asylanträge in Kanada nun endlich auch bewilligt werden. Es sei nicht fair, dass die Flüchtlingsfamilien nun getrennt seien.

Vanessa Mae Rodel und ihre Tochter Keana zusammen mit ihrem Anwalt Robert Tibbo nach ihrer Landung in Toronto. (Bild: Christopher Katsarov/AP, 25. März 2019)

Vanessa Mae Rodel und ihre Tochter Keana zusammen mit ihrem Anwalt Robert Tibbo nach ihrer Landung in Toronto. (Bild: Christopher Katsarov/AP, 25. März 2019)

Nicht so schnell zu einer Lösung kommen werde der Fall um Edward Snowden selber, mit dem Tibbo «mehrmals pro Woche» in Kontakt stehe. «Wir kontaktieren uns, wenn eine rechtliche Frage auftaucht.» Dabei verwende er  «eine ziemlich gute Verschlüsselungstechnik». Bei wichtigen Fragen reist Tibbo nach Moskau, um seinen Klienten persönlich zu treffen.

Ist Edward Snowden ein Klient wie jeder andere?

Ich könnte sagen, ich behandle ihn wie jeden anderen Klienten. Ich habe die höchsten Standards alle Klienten – egal ob reich oder arm. Ich kämpfe für jeden meiner Klienten. Ohne Furcht. Aber Edward Snowdens Fall ist einmalig. Praktisch jede Regierung der Welt will wissen, was er tut, was er denkt. Viele Regierungen würden gerne mithören, wenn er kommuniziert.

Wie sicher ist Edward Snowden in Russland?

Er ist nicht sicher, aber seine Situation ist relativ stabil. Edward Snowden sagt selber, er werde nie sicher sein. Er fürchtet, dass ihn jemand ermorden könnte.

Kann er sich frei bewegen?

Er hat in Russland gegen kein Gesetz verstossen. Er hat bis Januar 2020 ein Visum als Geschäftsmann. Der Kreml hat wiederholt verlauten lassen, dass man gewillt sei, dieses zu verlängern. Ich denke, Snowden wird noch eine Zeit lang in Russland bleiben, bis er irgendwann sicher in die USA zurückkehren kann.

Will er denn zurück in die USA?

Er würde sehr gerne zurück in seine Heimat, wo seine Familie lebt. Es wird irgendwann eine politische Lösung für die Rückkehr von Edward Snowden geben, das ist eine Frage der Zeit und der Umstände. Unter der Trump-Regierung ist das nicht möglich. Die Leute müssen zuerst verstehen, was Snowden für sie getan hat. Das Gute, das er getan hat.

Wie wird man Edward Snowden in 50 Jahren sehen – als Held oder als Verräter?

Edward Snowden wird ein Held sein. Das amerikanische Volk wird sein Vermächtnis erkennen. Aber jetzt sind die USA zu sehr gespalten, in der Gesellschaft läuft so viel falsch. Die Geschichte wird sehr wohlwollend über Snowden urteilen.