Antiterrorspezialisten genarrt

Die «Terrorzelle 34», die in Frankreich mehr als 20 Prominenten eine Morddrohung mit beigelegter Pistolenkugel zuschickte, ist enttarnt worden. Antiterroreinheiten verhafteten am Sonntag einen invaliden Arbeitslosen.

René Brunner
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Dominique de Villepin (Bild: ap)

Dominique de Villepin (Bild: ap)

paris. Darf man schmunzeln oder nicht? Darüber diskutierten Kommentatoren nach der Verhaftung des meistgesuchten «Terroristen» des Landes. Als anonyme «Cellule 34» hat der 51jährige Thierry während eines Jahres die besten Antiterrorspezialisten des Landes auf Trab gehalten. Mehr als 20 Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Medien schickte er Morddrohungen mit einer beigelegten 12,4 Gramm schweren Kugel Marke «Geco». Mit solchen Geschossen wird sonst Grosswild erlegt.

«Den König und seinen Clan werden wir von dieser Erde tilgen», orakelte er in einem Drohbrief an Staatschef Sarkozy, der viermal eine Kugel erhielt. Die Polizei nahm seine Drohungen sehr ernst und verstärkte massiv die Massnahmen zum Schutz wichtiger Persönlichkeiten.

Zur Prestigefrage geworden

Regierungschef Fillon, Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal, die früheren Premierminister Juppé, Balladur und Rocard, auch Justizministerin Michèle Alliot-Marie bekamen dieselbe Post.

Abgeschickt wurden alle Briefe in und um Montpellier mit Postleitzahl 34. Dort hatte die Polizei die letzten Sendungen des Terroristen abgefangen – und während eines Jahres fieberhaft die «Cellule 34» zu enttarnen versucht. 12 Personen hat sie allein diesen September verhaftet – und als Unschuldige wieder freigelassen. Die «Cellule 34» war zu einer dringenden Staatsangelegenheit und zur Prestigefrage für die Antiterrorspezialisten geworden.

Auf die Schliche kam die Polizei dem Familienvater, der mit seiner Frau in einer bescheidenen Sozialwohnung wohnt und von einer Invalidenrente lebt, nachdem sie systematisch AND-Proben aller Mitglieder von Schiessvereinen in der Region genommen und mit dem Speichel-AND auf einer Briefmarke verglichen hatte. Thierry gestand sofort. Offenbar hat er allein gehandelt. «Er ist geistig durcheinander», heisst es bei der «Sous-Direction Antiterroriste», die ihn in Gewahrsam nahm.

Und bei einem Terroristen?

Schon vor der Verhaftung deutete vieles darauf hin, dass es sich beim Täter nicht um einen gefährlichen Staatsfeind, sondern um einen Wirrkopf handelte. Seine Drohungen waren schwülstig und gespickt mit Fehlern, die Aussagen wirr. Die Polizei schloss aber nie aus, es mit äusserst gefährlichen Tätern zu tun zu haben, die gezielt falsche Fährten legen. Richtig freuen über ihren Erfolg können sich die Antiterrorjäger nicht. Der invalide Arbeitslose hat sie recht lächerlich gemacht.

«Wenn bereits ein harmloser Wirrkopf unsere höchsten Politiker in Angst versetzen und die besten Antiterroreinheiten während eines Jahres an der Nase herumführen kann – wie sieht es denn aus, wenn wir es wirklich mit gefährlichen Terroristen zu tun haben?», fragte ein Radiokommentator. Eine weitverbreitete Reaktion auf die Verhaftung.