Anschlag in einer gespannten Lage

Im Herzen der thailändischen Hauptstadt Bangkok ist gestern ein Sprengsatz explodiert und hat viele Menschen in den Tod gerissen. Weitere Bomben konnten entschärft werden. Seit der Machtübernahme des Militärs herrscht im Land eine vordergründige Ruhe.

Willi Germund
Drucken
Teilen

BANGKOK. Sanitäter bergen im Schein rotierender Blau- und Rotlichter die letzten Todesopfer. Teile von zwei zerfetzten Motorrädern liegen wenige Meter vor dem populären Erawan-Schrein, einem von Touristen und Thailändern häufig besuchten Tempel im Herzen Bangkoks. Nach ersten Angaben starben mindestens 19 Menschen, rund 120 wurden verletzt, als mitten im Feierabendverkehr mit einer grossen Stichflamme ein Sprengsatz explodierte.

Viele Verdächtigungen

Rund eine Stunde später ist an der Rajprasong-Kreuzung kaum ein lautes Wort zu hören. Polizisten suchen die Büsche auf dem Mittelstreifen ab. Plötzlich ertönt ein Alarm. Die Beamten haben einen weiteren Sprengsatz entdeckt. Während Spezialisten in der gespenstischen Atmosphäre sich daranmachen, die zweite Bombe zu entschärfen, wird wenige Schritte weiter vor dem noblen Gaysorn-Center noch ein Sprengsatz gefunden.

In der Millionenmetropole Bangkok zieht die Angst ein. Über den Beamten, die die Bomben entschärfen, rattert die vollbesetzte Hochbahn hinweg. Die Passagiere schlagen alle Vorsicht in den Wind. Sie wollen nach Hause. Dabei warnt die Polizei: «Die Hochbahn, die U-Bahn, die Einkaufsmeile Sukhumvit und das Vergnügungsviertel an der Thonglor-Strasse sind besonders riskant.»

Die Warnung ist eine Vorsichtsmassnahme. Denn zunächst hat niemand eine Ahnung, wer hinter dem Anschlag stecken könnte. Die Liste möglicher Verdächtiger ist lang: Die islamische Unabhängigkeitsbewegung, die sich bisher weitgehend auf Attentate im Süden Thailands nahe der Grenze zu Malaysia beschränkte, könnte den Anschlag begangen haben. Und Kreise, die der seit Mai vergangenen Jahres herrschenden Militärjunta nahestehen, sind schnell mit Schuldzuweisungen an die Phuea Thai Partei und sie unterstützende Rothemden. Mehr als ein Jahr nach dem Militärputsch ist das Misstrauen im Land so gross, dass eine Thailänderin in der Dunkelheit nahe der Anschlagstelle flüstert: «Das können auch die Generäle gewesen sein, die ihre Herrschaft rechtfertigen wollen.» In Verdacht geraten auch Militärs, die mit Junta-Chef General Prayuth Chan-ocha unzufrieden sind, weil er im September seinen Bruder zum neuen Armeechef ernennen will. Ein Bekennerschreiben gibt es zunächst nicht.

Andauernde Spannungen

Thailand erlebt seit Anfang des Jahrtausends einen tiefen Konflikt zwischen der traditionellen Ober- sowie Mittelklasse der Hauptstadt und der Landbevölkerung im Norden und Nordosten. Alle Wahlen seit 2001 wurden von einer politischen Bewegung um den früheren Premier Thaksin Shinawatra gewonnen. Das Militär, das sich vor allem dem Schutz der Monarchie verpflichtet sieht, putschte 2006 und 2014. Seit dem letzten Putsch rechtfertigt Junta-Chef Prayuth seine autoritäre Herrschaft mit der Notwendigkeit, Ruhe und Ordnung zu sichern.

Schlag gegen Tourismus?

Die Bombe hat das Regime an seiner Achillesferse getroffen. Sie ging neben dem Erawan-Schrein nur rund einhundert Meter vom Central World Shopping Center in die Luft. Das Paragon-Shoppingcenter, ebenfalls bei Touristen sehr populär, ist gerade mal einen Kilometer entfernt. Der Fremdenverkehr war bis gestern abend der einzige Wirtschaftszweig mit schwarzen Zahlen. Die Exporte Thailands schrumpfen seit dem Putsch. Japanische und südkoreanische Firmen schliessen Fabriken oder drosseln die Produktion. Thailands private Haushalte sind hochverschuldet.

Zuletzt hatte es 2010 Tote an der Kreuzung Rajprasong gegeben, an der gestern die Bombe Thailands vermeintliche Ruhe beendete. Damals ging das Militär mit Waffengewalt gegen die sogenannten Rothemden vor, die sich aus Protest gegen die damalige Regierung wochenlang dort einquartiert hatten.