Ankaras Kaukasus-Diplomatie

Im Schatten des Konflikts zwischen Russland und Georgien hat die Türkei eine eigene Friedensdiplomatie im Kaukasus begonnen.

Jan Keetman/Istanbul
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Die Türkei kommt mit ihrer improvisierten kleinen diplomatischen Offensive recht gut voran. Nach seinem Besuch in der armenische Hauptstadt Eriwan vom vergangenen Samstag reiste der türkische Präsident Abdullah Gül am Mittwoch in Aserbaidschans Metropole Baku.

Beide Besuche waren sehr kurzfristig geplant. Im Falle Eriwans lag eine Einladung seines armenischen Kollegen Sersh Sarkissjan zum Besuch des ersten Länderspiels zwischen der Türkei und Armenien vor. Der Sport bot eine Möglichkeit zur unverfänglichen Annäherung mit der armenischen Führung trotz des ungeklärten Konflikts um die Massaker an den Armeniern in der Türkei im Ersten Weltkrieg. Der Besuch Güls beim aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew in Baku war dann wohl als Ausgleich gedacht, um dem engen Verbündeten Ankaras zu zeigen, dass die Türkei weiter auf seiner Seite steht. Gül erklärte, Aserbaidschan und die Türkei seien «Teil einer einzigen Nation». Gül bekräftigte den Wunsch Ankaras, Armenien möge sich im Karabach-Konflikt aus den seit Jahren besetzten Gebieten Aserbaidschans zurückziehen.

Interesse an Karabach-Lösung

Trotz der Mahnung an Eriwan ist klar, dass die Türkei an einer friedlichen Lösung des Karabach-Konflikts interessiert ist. Durch eine Aussöhnung zwischen Armenien und Aserbaidschan bekäme Ankara neben dem unsicher gewordenen Georgien einen zweiten Landweg nach Zentralasien. Auch Aserbaidschan ist angesichts der in Georgien stehenden russischen Truppen an einer alternativen Verbindung zum Westen sehr interessiert. Deshalb hatte Baku auch nichts gegen Güls Reise zu seinem aserischen Erzfeind nach Eriwan einzuwenden. Sie wurde zwar in Aserbaidschans Medien, nicht aber von offizieller Seite kritisiert.

Die Türkei verlässt sich in ihrer Kaukasus-Offensive aber nicht nur auf Präsident Güls Reisediplomatie. Kurz bevor Gül zur Reise nach Baku aufbrach, verkündete der türkische Aussenminister Ali Babacan den Plan für ein Dreiertreffen mit dem armenischen Aussenminister Edward Nalbandjan und dessen aserischem Amtskollegen Elmar Memedow am Rande der UNO-Vollversammlung in New York. Von Nalbandjan hatte Babacan bereits eine Zusage, mit Memedow wollte er am Mittwoch noch telefonieren. Was dabei herauskam, blieb zunächst unbekannt.

«Die Steine sind in Bewegung»

Dennoch erklärte Gül bei seiner Rückkehr in die Türkei, im Kaukasus seien die Steine in Bewegung. Es gebe nichts, über das man nicht sprechen könnte. In der türkischen Presse war sogar zu lesen, Gül habe ein Abkommen unterschrieben, wonach Armenien ab kommendem Jahr – wie zu Sowjetzeiten – wieder Strom an die Türkei liefern werde. Daran wollte sich Gül indessen nicht erinnern. Doch schloss er nicht aus, dass ein solches Abkommen zwischen privaten Firmen geschlossen worden sei. Inoffiziell scheinen Ankara und Eriwan weiter zu sein, als öffentlich zugegeben wird.

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