Ankaras Angst vor den Kurden

In Syrien wird auch der Kurdenkonflikt zur Front. In der Hoffnung, Autonomie zu erringen, laufen syrische Kurden Gefahr, von Assad instrumentalisiert und von Ankara bekämpft zu werden.

Walter Brehm
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In der Hoffnung auf das irakische Vorbild weht die kurdische Flagge in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Syrien. (Bild: ap/Khalid Mohammed)

In der Hoffnung auf das irakische Vorbild weht die kurdische Flagge in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Syrien. (Bild: ap/Khalid Mohammed)

Es ist eine Binsenwahrheit, dass in Syrien mehrere Kriege geführt werden aus internen Konflikten und in Stellvertretung fremder Interessen: Rebellen gegen das Regime, Sunniten gegen Alawiten, Saudi-Arabien und die Golf Emirate gegen Iran, China und Russland gegen den Westen. Doch nun wird ein weiterer Konflikt akut, der über die Grenzen Syriens hinaus wirkt– der Kampf der Kurden um Autonomie.

Historisches Drama

Es ist das historische Drama des kurdischen Volkes, dass die postkoloniale Grenzziehung in der Region keine Rücksicht auf seinen Lebensraum genommen hat. Lange waren sich die Türkei und Syrien in einem Punkt einig: Das kurdische Volk gibt es nicht. In der Türkei wurde die Missachtung in der entwürdigenden Bezeichnung der Kurden als Berg-türken deutlich. Egal wie sich die politische Lage in beiden Staaten und in Irak auch entwickelte, bis zum Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein waren die Kurden stets die Verlierer. Mit der ersten autonomen Kurdenregion in Nordirak hat der Konflikt an sich ein Modell zu seiner Lösung.

Kurden als Hilfstruppe Assads

So sehr sich die Türkei unter der konservativ-islamischen Regierung Erdogan demokratisiert hat, so unfähig erwies sich dieser, im irakischen Modell eine Chance für den heimischen Konflikt mit den Kurden zu sehen. Im Abwehrkampf gegen die Aufständischen hat das syrische Regime nun die türkische Furcht vor einer autonomen Kurdenregion als taktische Chance erkannt.

Assad hat seine Truppen weitgehend aus der kurdisch besiedelten Grenzregion zur Türkei weitgehend zurückgezogen. Das führt nicht nur dazu, dass mehrere Orte entlang der Grenze heute von Kurden verwaltet werden. In diesem neuen kurischen Herrschaftsgebiet tauchen auch immer mehr Guerilla-Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK auf, welche die «befreite Region» in ihrem Kampf gegen die türkische Armee als Rückzugsgebiet nutzen.

Beobachter fürchten nun aber, dies könnte die türkische Armee zu einer Intervention in Syrien verleiten – nicht um die Rebellion gegen Assad zu unterstützen, sondern um die PKK-Guerilla auch auf syrischem Gebiet zu verfolgen. Die zynische Erwartung Assads dürfte sein, dass sich die Kurden dann in Verteidigung ihrer Region als Hilfstruppe des Regimes erweisen. Syrische Oppositionelle behaupten, PKK-Kämpfer agierten bereits als Söldner der syrischen Armee.

PKK verschärft ihren Terror

Solche Meldungen sind kaum zu überprüfen, und die PKK beteuert immer wieder, sie sei in Syrien nicht aktiv. Gleichzeitig kündigt sie aber eine Verschärfung des bewaffneten Kampfs in der Türkei an – bis ihr inhaftierter Führer Abdulla Öcalan freigelassen werde und auch Ankara den Kurden politische Autonomie gewähre. Nach mehreren Anschlägen im Westen der Türkei hat die PKK diese Woche erstmals einen türkischen Parlamentarier entführt – Hüseyin Aygün, einen kurdisch-stämmigen Oppositionspolitiker, der sich stets für Demokratie und Autonomie, aber gegen den Krieg der PKK eingesetzt hat.