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«Angriff auf die Demokratie»

Grossbritannien gedenkt der ermordeten Unterhaus- Abgeordneten Joanne Cox und zeigt sich entschlossen. EU-Referendumskampf ist ganztägig unterbrochen.
Sebastian Borger/London
Gedenken am Tatort: Parlamentspräsident John Bercow (links) und Premierminister David Cameron. (Bild: epa/Nigel Roddis)

Gedenken am Tatort: Parlamentspräsident John Bercow (links) und Premierminister David Cameron. (Bild: epa/Nigel Roddis)

Mit demonstrativer Geschlossenheit hat das politische London gestern auf die Ermordung der Labour-Abgeordneten Joanne «Jo» Cox reagiert. Premierminister David Cameron, Oppositionsführer Jeremy Corbyn und Parlamentspräsident John Bercow reisten nach Birstall bei Leeds (Grafschaft Yorkshire) und legten am Tatort Blumen nieder, wo die 41-Jährige am Donnerstag nach einer Bürgersprechstunde in ihrem Wahlkreis durch mehrere Schüsse und Stiche getötet worden war. Der Abstimmungskampf um Grossbritanniens EU-Mitgliedschaft blieb den ganzen Tag unterbrochen. «Sie starb, während sie ihren Job machte», sagte der Regierungschef. «Wir sollten unsere Demokratie in Ehren halten.»

Der Mord hat weltweit Bestürzung ausgelöst. Kondolenzbekundungen kamen von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel ebenso wie von der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton. Labour-Chef Jeremy Corbyn sprach von einem «Angriff auf die Demokratie» und «sinnlosem Akt des Hasses». Die Polizei hatte noch am Tatort einen 52jährigen Arbeitslosen festgenommen. Unterlagen einer amerikanischen Lobbygruppe zufolge hatte der Mann vor siebzehn Jahren Kontakt mit US-Neonazis, der sogenannten National Alliance. Von ihnen erwarb er eine Anleitung zum Eigenbau von Schusswaffen. In den Achtzigerjahren bestand zudem Kontakt zu südafrikanischen Rassisten. Gleichzeitig kämpfte er seit Jahrzehnten mit psychischen Problemen.

Ansehen über Parteigrenzen hinweg

Ohrenzeugen zufolge soll der Täter während seines Angriffs «Britain First» gerufen haben, was einen rechtsextremen Hintergrund der Bluttat bestätigen würde. Die winzige Partei gleichen Namens wies jede Verantwortung von sich. Nachbarn des Tatverdächtigen, der seit 32 Jahren in der gleichen Sozialwohnung gelebt hatte, konnten sich an politische Äusserungen des passionierten Gärtners nicht erinnern. Sein Halbbruder aus der Ehe der Mutter mit einem Schwarzen sagte britischen Medien, er traue «Tommy keine Gewalt» zu.

Cox war erst im vergangenen Jahr für ihren Heimatbezirk ins Unterhaus gewählt worden, hatte aber rund zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Arbeit für führende Politiker sowie für Entwicklungshilfeorganisationen wie Oxfam. Die verheiratete Mutter von zwei Kindern, drei und fünf Jahre alt, genoss Ansehen über Parteigrenzen hinweg.

Gedenken in vielen Städten

Die Nachricht von dem Mord liess am Donnerstag beide Lager im EU-Referendumskampf ihre Kampagnen vorläufig unterbrechen. Der konservative Finanzminister George Osborne verwarf am Abend seine vorbereitete Rede und nutzte eine Ansprache in der City of London für eine Hommage an die Kollegin. Gestern dominierten erstmals seit Wochen nicht Horrormeldungen über diese oder jene Folge des Brexit die Schlagzeilen der Zeitungen, sondern eine echte Tragödie. Reihenweise kämpften hartgesottene Politik-Profis mit den Tränen. Cox sei «wie eine Nichte» für ihn gewesen, erzählte der frühere Labour-Chef Neil Kinnock der BBC. Die junge Frau hatte in den 1990er-Jahren für Kinnocks Frau, die spätere Europa-Staatssekretärin Glenys Kinnock, im Europaparlament gearbeitet. Wie in Birstall versammelten sich gestern in vielen Städten des Landes Tausende in stillem Gedenken an die Ermordete. Andere legen Blumen nieder: am Tatort, auf dem Parliament Square vor dem Unterhaus sowie an dem umgebauten Lastkahn auf der Themse, unweit der Tower Bridge, auf dem Cox mit ihrer Familie wohnte. «Sie glaubte an eine bessere Welt und kämpfte dafür mit einer Energie, die viele andere erschöpfen würde», schrieb Cox' Witwer Brendan in einer Stellungnahme. Der Manager von Entwicklungshilfeorganisationen rief zur Einigkeit auf «gegen den Hass, der sie getötet hat».

Bild und Blumen für das Opfer. (Bild: epa)

Bild und Blumen für das Opfer. (Bild: epa)

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