Alt-Kanzlerin
Angela Merkels neues Leben: Neun Angestellte, zwei Chauffeure und lebenslang Personenschutz

16 Jahre lang war ihr Terminkalender jeden Tag voll. Jetzt hat Angela Merkel viel freie Zeit. Etwas behält sie: ihren Titel Bundeskanzlerin.

Christoph Reichmuth
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Wirkte fast verlegen ob des warmen Applaus von den Abgeordneten: Angela Merkel (neben Altbundespräsident Joachim Gauck) auf der Besuchertribüne des Bundestages.

Wirkte fast verlegen ob des warmen Applaus von den Abgeordneten: Angela Merkel (neben Altbundespräsident Joachim Gauck) auf der Besuchertribüne des Bundestages.

Kay Nietfeld / dpa

Am Mittwoch war der Tag der stehenden Ovationen. Freilich, für Olaf Scholz gab es lang anhaltenden Applaus just nach seiner Wahl zum Kanzler Deutschlands. Fast noch wärmer war der Applaus allerdings für die auf der Besuchertribüne sitzende Angela Merkel. Die Abgeordneten – mit Ausnahme der AfD-Fraktion – erhoben sich von ihren Sitzen. Merkel nickte, das Gesicht unter ihrer FFP2-Maske versteckt, fast etwas verlegen mit dem Kopf.

Von nun an geniesst die 67-Jährige ihren wohlverdienten Ruhestand. Was sie tun wird, bleibt vorderhand ihr Geheimnis. Einblicke in ihr Privates gewährte die promovierte Physikerin in ihrer Amtszeit kaum. Sie wolle auf jeden Fall eine Pause einlegen, nicht gleich die erste Einladung annehmen, meinte sie.

«Und dann werde ich vielleicht versuchen, was zu lesen, dann werden mir die Augen zufallen, weil ich müde bin, dann werde ich ein bisschen schlafen, und dann schauen wir mal.»

Von Merkel weiss man, dass sie gerne und scheinbar gut kocht, etwa Kartoffelsuppe. Doch ein bisschen kochen und den ganzen Tag rumsitzen, das dürfte der weltweit angesehenen Merkel auf die Dauer kaum genügen. Vermutlich wird sie vorerst in Berlin bleiben, wo sie zusammen mit ihrem Mann, dem Quantenchemiker Joachim Sauer (72), im Berliner Museumsviertel in einem Haus aus dem 19. Jahrhundert sehr zentral wohnt. Ein Umzug in ihr bisheriges Wochenendhaus in die Uckermark scheint sie momentan nicht anzustreben. Gut möglich, dass Merkel in ihrer ersten Freizeit auf private Reisen geht. Italien hat es ihr angetan, das Südtirol zum Wandern, die Insel Ischia. Aber auch das Engadin, wo sie gerne Langlaufskier fährt – zumindest in früheren Jahren.

Finanziell hat sie ausgesorgt

Merkel verliert mit dem Auszug aus dem Kanzleramt nicht ihren Titel Bundeskanzlerin. Wird von ihr gesprochen, gilt Merkel weiterhin als Bundeskanzlerin aD, ausser Dienst – oder Altkanzlerin. Finanziell braucht sich die gebürtige Hamburgerin keine Sorgen zu machen. Als Kanzlerin verdiente sie 25'000 Euro im Monat, hinzu sind etwa 10'000 Euro gekommen, die ihr als Abgeordnete zustanden. Von nun an bekommt Merkel drei Monate lang ihr volles Gehalt weiter ausbezahlt, danach für maximal 21 Monate die Hälfte des Gehalts als Übergangsgeld zur Rente. So rechnet es der Deutschlandfunk vor. Das anschliessende Ruhegehalt beläuft sich danach auf etwa 15'000 Euro monatlich.

Ausserdem hat Merkel bis zu ihrem Lebensende Anspruch auf Personenschutz, der vom Bundeskriminalamt gestellt wird. Zudem auf einen Dienstwagen und ein Büro in den Räumlichkeiten des Bundestages. Merkel hat 9 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugute, finanziert vom Staat. Sie schöpft die Möglichkeiten voll aus. Drei Angestellte sollen sich um das Büro kümmern als Büroleitende, neben Referentinnen und Sachbearbeitern will Merkel noch mit zwei Fahrern ausgestattet werden. So soll sie es beantragt haben, heisst es. Das Büro darf sie nur für Arbeiten nutzen, die in direktem Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Altkanzlerin stehen.

Der 2015 verstorbene SPD-Altkanzler Helmut Schmidt war ein gefragter Referent bei Vorträgen – allerdings auch ein teurer.

Der 2015 verstorbene SPD-Altkanzler Helmut Schmidt war ein gefragter Referent bei Vorträgen – allerdings auch ein teurer.

Maurizio Gambarini / EPA/2014

Merkel will kein neues politischen Amt anstreben, das hat sie mehrfach betont. Die weltweit vernetzte Altkanzlerin wird aber in Politik und Wirtschaft eine gefragte Ansprechpartnerin, Beraterin und Referentin bleiben. Ob sie diesen Weg einschlagen wird, ist offen. Ihre Amtsvorgänger Gerhard Schröder, Helmut Kohl oder Helmut Schmidt haben durch Reden und Mandate nach ihrer Rente sehr gut dazu verdient. Von Altkanzler Schmidt, der nach seinem Auszug aus dem Kanzleramt Herausgeber der «Zeit» war, ist ein bemerkenswertes Zitat überliefert:

«Ich hab es mir zur Regel gemacht, keinen Vortrag für weniger als 15'000 Dollar zu halten.»

Wie dem auch sei: Helmut Kohl verdiente mit einer von ihm gegründeten Firma für Politikberatung erklecklich dazu, Gerhard Schröder heuerte beim russischen Energieriesen Gazprom an. Merkel lässt ihre Zukunft offen. Sie wolle zuerst einmal darüber nachdenken, «was mich so eigentlich interessiert.» Ein Satz, der viel darüber verrät, wie viel Zeit Merkel in den letzten 16 Jahren für sich persönlich wirklich hatte.

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