ANALYSE ZUM UMGANG MIT ATTENTATEN: Der Terror als endloser Selbstläufer

Terroristen wollen Angst machen und Schrecken verbreiten. Je länger Täter und Motive im Unklaren bleiben, desto besser funktioniert Terror, schreibt Ausland-Redaktor Walter Brehm in seiner Analyse zum Umgang mit Attentaten.

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Ein Polizist plaziert in Berlin eine Kerze nach dem Attentat. (Bild: Keystone)

Ein Polizist plaziert in Berlin eine Kerze nach dem Attentat. (Bild: Keystone)

Der Terrorismus nimmt zu. Egal ob das stimmt oder nicht, objektiv sind die Menschen in Berlin, in Ankara, Istanbul und auch in Zürich terrorisiert. Bei aller Unterschiedlichkeit der Taten, der Täter, der wahrscheinlichen oder bekannten Motive, das Ziel ist immer dasselbe: Angst machen und verbreiten. Die Opfer einer Terrortat sind dem Terroristen Mittel zum Zweck, die noch nicht Betroffenen zu ängstigen: Nirgends ist Sicherheit.

Tagblatt-Ausland-Redaktor Walter Brehm. (Bild: Urs Bucher)

Tagblatt-Ausland-Redaktor Walter Brehm. (Bild: Urs Bucher)

Und je länger Täter und Motive im Unklaren bleiben, desto besser funktioniert Terror und seine Botschaft. Wir leben in unsicheren Zeiten. Vorschnelle Urteile sind zu vermeiden, sagt die Vernunft und sie bittet um Geduld: Erkenntnisse abwarten, so schwer es fällt. Darin besteht die Prüfung für die freie, aber leicht verletzbare demokratische Gesellschaft. Was ist mit dem Rat der Vernunft anzufangen, wenn sich Menschen fürchten, ihren Alltagsgewohnheiten treu zu bleiben. Und in den sozialen Medien steht Mitgefühl neben Häme. «Erst mal an die Abwarten-Fraktion: So was kommt vom Abwarten», twitterte schon in der Nacht auf gestern Marcus Pretzell, Landesvorsitzender der «Alternative für Deutschland» in Nordrhein-Westfalen. Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry doppelt nach: «Geben wir uns keiner Illusion hin. Das Milieu, in dem solche Taten gedeihen, ist in den vergangenen anderthalb Jahren fahrlässig und systematisch importiert worden.» Warum also abwarten, bevor man «schuldig» ruft?

«Was hat Merkel aus unserem Land gemacht?», meldet sich auch Maximilian Krah, ein ehemaliger CDU-Politiker, zu Wort. Merke: Schuld am Terrorismus sind nicht die Terroristen. Die Mutter der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen ist schuld. Der festgenommene Tatverdächtige ist doch ein Flüchtling? Oder etwa nicht? So sicher waren sich die Schnellrichter, bevor die Fahnder erklären konnten, dass der pakistanische Flüchtling nicht der Täter sei. Doch wenn der Pakistaner nicht der Täter ist, hiesse dies ja, der oder die Täter sind noch auf freiem Fuss. Da ist sie wieder, die Unsicherheit, die es auszuhalten gilt, die so schwer auszuhalten ist.

Möglich, dass die Täter Jihadisten sind. Möglich aber auch, dass es keine religiösen Fanatiker sind. Sicher aber ist: In ihren Kommandozentralen in Syrien, in Irak oder sonst wo sitzen sie und freuen sich nicht einmal klammheimlich: Es funktioniert ja, es hätte nicht einmal des Bekennerschreibens des IS bedurft. Die Religionsgruppen, die Kulturen gehen uns auf den Leim. Fürchten sich, wollen nicht mehr abwarten. So hoffen sie und vertrauen auf politische Brandstifter, die ihr Geschäft mit der Angst so gut unterstützen. Wer besonders früh draufhaut, lange bevor es gesicherte Erkenntnisse gibt, rechnet sich die grösste Aufmerksamkeit aus. Wie langweilig, wenn der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck quasi als Sprecher der Abwarten-Fraktion erklärt: «Unsere Art zu leben wird angegriffen, aber wir lassen uns die Freiheit nicht nehmen» – auch nicht die Freiheit, um die Opfer zu trauern, ohne zu urteilen, bevor man weiss.

Es herrscht Terror im Land – nicht nur in Deutschland. In der Türkei ist kaum mehr erkennbar, wer gegen wen und mit welchen Motiven. Ein Polizist erschiesst den russischen Botschafter. Ein Mörder aus dem Staatsdienst. Einer, der nicht verstanden hat, weshalb sein oberster Chef, Präsident Erdogan, plötzlich an der Seite jener steht, die den syrischen Machthaber Bashar al-Assad zu jedem noch so hohen Blutzoll an der Macht halten wollen. Und dies, nachdem derselbe Präsident monatelang Jihadisten unterstützt hatte nach dem Motto «Hauptsache, sie bekämpfen Assad!». Machtspiele, die enttäuschte Gläubige zu Tätern machen. Das Erschreckendste am Terror ist, dass er sich mehr und mehr jeder Kontrolle entzieht – und doch immer den gleichen Gruppen nützt: jenen, die ihn aus ideologischen Gründen propagieren, und jenen, die ihn aus ebenso ideologischen Gründen für sich instrumentalisieren.

Einen Augenblick innehalten: Wenn in Zürich ein junger Mann mit Migrationshintergrund, aber mit Schweizer Pass auf betende Moslems schiesst, akzeptierten wir dann die Anklage, es sei ein Terrorakt der Schweizer gegen alle Moslems?

Walter Brehm

walter.brehm@tagblatt.ch