Analyse
Europa verliert ein wichtiges Druckmittel gegen Moskau: Und genau dort sitzt der grosse Sieger im Pipeline-Deal

Die USA geben grünes Licht für die Pipeline Nord Stream 2. Das ist ein aussenpolitischer Erfolg für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vor allem aber auch ein grosser Sieg für Vladimir Putin. Eine Analyse.

Samuel Schumacher
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Joe Biden freut sich, Angela Merkel freut sich und der grosse Sieger Vladimir Putin (im Bild) ist ebenfalls glücklich.

Joe Biden freut sich, Angela Merkel freut sich und der grosse Sieger Vladimir Putin (im Bild) ist ebenfalls glücklich.

Alexei Nikolsky / AP

Pipelines sind eigentlich dazu da, Sender und Empfänger von Gütern zu verbinden. Im Fall des 11-Milliarden-Dollar-Projekts Nord Stream 2 aber ist die Sache komplizierter. Die Röhre, durch die bald russisches Gas nach Deutschland fliessen wird, hat jahrelang für Streit gesorgt. Die Amerikaner hatten Angst, dass sich Europa durch die zusätzlichen 55 Milliarden Kubikmeter Gas, welche die Röhre jährlich auf den europäischen Markt spült, zu sehr in die Abhängigkeit von Moskau begibt. Und die Ukrainer fürchteten, dass ihre eigenen Pipelines in Zukunft obsolet würden. Die zwei Milliarden Dollar, die das Land jährlich an Transferzahlungen für seine Pipelines erhält, würden im Staatshaushalt schmerzlich vermisst.

Davon aber liess sich Deutschland unter Kanzlerin Angela Merkel nicht beirren. Sie hielt an der Röhre fest wie ein Kind an seiner Stängeli-Glace. Das hat sie zuletzt auch während ihres Besuchs beim selbst ernannten «Ice Cream-Fan» Joe Biden in Washington klargemacht. Zu gross ist der wirtschaftliche Nutzen für Deutschland und den Kontinent, zu bedeutend sind die russischen Gaslieferungen, die schon heute mehr als 40 Prozent des europäischen Bedarfs abdecken. Dass Merkel am Mittwochabend das «O.K.» des US-Präsidenten erhielt, ist für die Kanzlerin ein aussenpolitischer Triumph. Biden lässt ab von den Sanktionsdrohungen, mit denen sein Vorgänger stets auf die Pipeline-Pläne reagiert hatte: ein Zeichen dafür, wie wichtig ihm ein harmonisches Verhältnis zum europäischen Machtzentrum Berlin ist.

Der wahre Sieger aber sitzt in Moskau. Präsident Wladimir Putin darf sich nicht nur über das zusätzliche Gas-Exportvolumen freuen. Mit der baldigen Fertigstellung der Pipeline verliert Europa auch ein politisches Druckmittel gegenüber Moskau. Die hiesige Kritik an Menschenrechtsvergehen wie etwa der Inhaftierung des Oppositionellen Alexei Nawalny dürfte von den günstig rauschenden Gaslieferungen alsbald deutlich übertönt werden.

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