ANALYSE: Ein Preisträger im Sinne des Stifters AlfredNobel

Eine Würdigung jener Person, die sich im vergangenen Jahr am besten für Friedensverhandlungen eingesetzt hat. So wollte Alfred Nobel den Friedenspreis verstanden haben. Deshalb ist die Wahl des kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos zum Friedensnobelpreisträger die richtige, schreibt Ausland-Redaktor Walter Brehm in seiner Analyse.

Walter Brehm
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Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos ist der diesjährige Träger des Friedensnobelpreises. (Bild: FERNANDO VERGARA (AP))

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos ist der diesjährige Träger des Friedensnobelpreises. (Bild: FERNANDO VERGARA (AP))

Ein Friedensnobelpreis, während die Welt an allen Ecken und Enden in Brand steht? Eine Ehrung in einer Zeit, in der die berufenen Friedensstifter von UNO bis OSZE eher angeschlagen, oder Preisträger wie die EU und Barack Obama in Sachen Frieden an Glaubwürdigkeit arg verloren haben. Selbst das Preiskomitee hat nach Jahren zumeist umstrittener Entscheide mit Vertrauensverlust zu kämpfen. Dies, weil seine Entscheidungen oft eher als unbedarfte Versuche gesehen wurden, laufende politische Prozesse zu beeinflussen.

Kaum Frieden also und wenig sichtbar erfolgreiche Versuche, solchen zu stiften. Aber wie als Verleugnung dieser Tatsache war die Liste von Preis-Kandidaten, die längste die je zu beurteilen war: Insgesamt 228 Persönlichkeiten und 148 Organisationen – darunter viele, die sich unstrittig für Kriegsopfer, politisch Verfolgte, Flüchtlinge und Vertriebene eingesetzt haben. Man musste damit rechnen, dass das Komitee einmal mehr ein Wirken von untadeliger Motivation und moralischer Güte berücksichtigen werde. Doch die Preisverleiher haben sich in diesem schwierigen Jahr eines Besseren besonnen.

Zurück zu den Wurzeln. Eine Würdigung jener Person oder Organisation, die sich im vergangenen Jahr am besten für Friedensverhandlungen eingesetzt hat. So wollte Alfred Nobel den Friedenspreis verstanden haben. Unter dieser wieder entdeckten Prämisse musste das Komitee seine Wahl nicht mehr unter 376 Kandidaten treffen. Letztlich waren es nur deren zwei: Die Verhandler, welche die Lösung des Atomstreits zwischen der Staatengemeinschaft und Iran auf den Weg gebracht und damit eine Kriegsgefahr ausgeräumt hatten. Und die Verhandler eines Friedensvertrags für Kolumbien zur Beendigung des längsten Bürgerkriegs der jüngeren Geschichte. Der Preisträger heisst nun Juan Manuel Santos, der Präsident Kolumbiens. Ein richtiger Entscheid, welcher zudem doch der Neigung des Preiskomitees entgegenkommt, in Friedensprozesse zu intervenieren, in der Hoffnung, diese einem erfolgreichen Ende zuführen zu können.

Juan Manuel Santos hat sein Amt, seine Reputation und seine politische Zukunft aufs Spiel gesetzt. Das hat er nicht alleine getan. Auch dem trägt das Nobel-Komitee Rechnung. Der Preis, heisst es in seiner Begründung, ehre alle Beteiligten an den Verhandlungen – also implizit auch die Führung der Farc-Rebellen und den kubanischen Präsidenten Raul Castro, als Gastgeber und Moderator der Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien. Vor allem aber auch das kolumbianische Volk, «das nie aufgegeben hatte, auf Frieden zu hoffen». Dennoch erscheint der Nobelpreis auf den ersten Blick als Würdigung einer grossen, aber zumindest vorerst gescheiterten Bemühung, einen 52 Jahre dauernden Krieg zu beenden, der Elend, Vertreibung und Gewalt über das Land gebracht hatte. Die Hauptursache des Konflikts ist soziale Ungleichheit und eine ungerechte Landverteilung. Seit den 1960er-Jahren bekämpfen sich der Staat und mehrere Guerillagruppen. Später kamen paramilitärische Todesschwadronen, Drogenbanden und weitere kriminelle Vereinigungen als Kriegsparteien hinzu. Die Paramilitärs gaben zwischen 2003 und 2006 ihre Waffen ab, haben sich aber erneut in zahlreichen Gruppierungen organisiert.

Niemand in Kolumbien will keinen Frieden. So äussern sich die politischen Kräfte des Landes unisono. Ein unstrittiger Erfolg des Präsidenten Santos. Doch der verhandelte Friedensvertrag zwischen Kolumbiens Regierung und der Farc-Guerilla hat vor dem Volk dennoch eine knappe, aber bittere Niederlage erlitten. Knapp, weil er von 50,2 Prozent der Abstimmenden verworfen wurde. Bitter, weil es nicht gelungen war, auch nur die Hälfte der Stimmberechtigten an die Urnen zu führen. Bitter auch, weil die vom Krieg hart betroffene Landbevölkerung mehrheitlich bereit war, dem Vertrag zuzustimmen, aber die urbanen und vielleicht politisch besser gebildeten Urnengänger strittige Punkte stärker gewichteten als einen schnellen Frieden. Gestritten wird über die Vertragsbedingungen und vor allem darum, welches Mass an Versöhnung den Rebellen entgegengebracht werden soll. Zuviel im abgelehnten Vertrag, argumentieren dessen Gegner, denen das Element der Sühne fehlt. Es werden schwierige weitere Verhandlungen nötig. Verhandlungen, in die Joan Manuel Santos jetzt aber mit internationaler Anerkennung gehen kann. Verhandlungen auch, die es den Kritikern des Friedensvertrags nun vielleicht leichter machen, auch die Verantwortung vieler ihrer Exponenten zu erkennen. Durch das Dulden oder gar den Einsatz rechtsgerichteter Paramilitärs haben sie ihrerseits viel zu der jahrzehntelangen Gewalt beigetragen.

An der Notwendigkeit für einen Neuanfang in Kolumbien hat sich nichts geändert. Zudem ergibt sich in den Nachverhandlungen zum gescheiterten Friedensvertrag auch die Chance, die zweite noch aktive Guerillagruppe ELN ebenfalls in eine Lösung einzubinden. Dazu führt die Regierung Santos bereits Sondierungsgespräche. Der mit umgerechnet gut 850?000 Euro dotierte Friedensnobelpreis wird am 10.?Dezember, dem Todestag des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel, verliehen. Mit der diesjährigen Vergabe an Manuel Santos darf der Preis auch wieder als wichtigste Auszeichnung für Verdienste um Abrüstung, Frieden und Menschenrechte betrachtet werden. Und auch als legitime Mahnung an die Konfliktparteien in anderen Weltregionen, in denen immer noch dem fatalen Motto nachgelebt wird, Krieg sei die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln.