Amoklauf: Wenn ein Tag zum Albtraum wird

WINNENDEN. 16 Tote nach dem Amoklauf von Winnenden: Eltern und Schüler der Albertvilleschule hoffen, bangen, trauern und stehen unter Schock.

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Wenn es eine Hölle gibt, dann ist Tatjana Hahn ihr an diesem Morgen sehr nahe. Tatjana ist 18, sie besucht die zwölfte Klasse des Lessing-Gymnasiums, das gleich neben der Albertvilleschule in Winnenden liegt. In der dritten Stunde hatte sie frei, und da kam plötzlich diese SMS auf ihrem Handy an. «Amoklauf in der Albertvilleschule». Tatjana dachte sofort an ihre Schwester Jaqueline, die ist 15. Sie geht in die 10d der Albertvilleschule. Blankes Entsetzen. Absoluter Ausnahmezustand. Tatjna zittert wie Espenlaub.

Bangen um den Sohn

Jetzt ist es kurz nach zwölf, und Tatjana steht vor der Talauenhalle in Winnenden, dort sammeln sich Schüler und Eltern. Tatjana entdeckt dort ein Mädchen, das mit Jaqueline in eine Klasse geht. Plötzlich sieht sie ihre Mutter und rennt ihr entgegen. «Mama, Mama, sie lebt!» Die Klassenkameradin hat Jacqueline gesehen. Tatjanas Schwester lebt. Zwei Kinder aus Jacquelines Klasse aber seien im Kugelhagel gestorben, hat das Mädchen gesagt.

Elisabeth Beyer hat ihren Sohn wieder. Er heisst Patrick, und er ist davongekommen. Auch seine Schwester soll überlebt haben. Das hat Elisabeth Beyer gerade erfahren. Die Familie wohnt direkt gegenüber der Albertville-Realschule. Die Mutter hatte sich am Morgen noch gewundert, dass ein Helikopter über der Stadt kreist und sich gedacht: «Da hat es einen Banküberfall gegeben.» Dann hat sie völlig unerwartet einen Anruf von ihrem Sohn bekommen. «Ich lebe», hat er zu seiner Mutter gesagt. Und es sei sein Glück gewesen, dass er gerade im Computerraum gewesen sei, als der Amokläufer im Stockwerk über ihm unterwegs war.

Andere Kinder, andere Eltern sind noch völlig verunsichert. Heidi Tobiszobskis Tochter Lisa, 12 Jahre alt und Fünftklässlerin, hat sich noch nicht gemeldet. Die Mutter schwebt zwischen Hoffen und Bangen. Ein Mitschüler habe sie gesehen, heisst es hier in diesem allgemeinen Chaos. Die Mutter klammert sich an diese Botschaft und wartet.

Amoklauf im Kampfanzug

Was genau an diesem Morgen in Winnenden passiert ist, lässt sich nicht begreifen, es lässt sich allenfalls rekonstruieren. Gegen 9.30 Uhr stürmt der 17jährige Tim Kretschmer, ein ehemaliger Schüler der Realschule, bekleidet mit einem schwarzen Kampfanzug, das Schulgebäude. In drei Klassenräumen schiesst er mit einer Waffe wild um sich. Neun Jugendliche und drei Lehrerinnen werden dabei getötet. Der Täter rennt davon und erschiesst auf der Flucht im Park des Winnender Schlosses einen Passanten. Der Mitarbeiter des nahegelegenen Zentrums für Psychiatrie ist ein Zufallsopfer des Amokläufers.

Eine belagerte Stadt

Helikopter kreisen am Himmel, wo die Strassen komplett abgeriegelt sind, stauen sich Fahrzeuge, überall Menschenansammlungen. Es gibt kein Durchkommen. Diskutierende Menschentrauben, Eltern mit Handys, Kinder mit bleichen Gesichtern.

«Ja, wir kennen den», sagen Dennis und Costa, über den Schützen, dessen Name zu diesem Zeitpunkt bereits die Runde macht. «Der Tim» sei früher auch auf ihre Schule gegangen. Sie selbst seien auf dem Weg zur Schule gewesen und von der Polizei gestoppt worden. Jetzt bangen sie um das Leben von Freunden, die sie im Schulgebäude vermuten. «Hoffentlich ist denen nichts passiert.» Eine verzweifelte Mutter versucht einige Meter weiter, ihre Tochter in dem Schulgebäude per Handy zu erreichen. «Wo bist du, geht es dir gut», schreit sie ins Telefon.

«Ein neues Erfurt»

«Wir haben hier alles aufgeboten, was wir haben», erzählt auf dem Weg zur Pressekonferenz in der Schulsporthalle der ebenfalls an den Ort der Katastrophe geeilte Polizeipräsident Konrad Jelden. «Der schlimmste Tag in meinem Leben als Polizist», sagt er. «Es gibt keine Worte, die beschreiben, welches Leid der Täter über die Angehörigen gebracht hat.»

Winnendens Oberbürgermeister Bernhard Fritz sitzt später wie erstarrt neben Jelden in der Halle. Er bringt kein Wort heraus. Kurz nach 13 Uhr trifft Ministerpräsident Günther Oettinger am Ort des grauenhaften Geschehens ein und stellt sich den Fragen der Presse. Und zu diesem Zeitpunkt, als mit den weiteren Toten in Wendlingen die ganze Dimension dieses Amoklaufs klar wird, herrscht unter den in der Schulsporthalle versammelten Politikern, Polizeibeamten und Medienvertretern einen Moment lang entsetzte Stille. «Winnenden ist ein neues Erfurt», sagt einer leise.

«Massen an Munition»

Der Amoklauf endet zur Mittagszeit in Wendlingen. Man sieht die Einschusslöcher am VW-Autohaus im Industriegebiet. Im Verkaufsraum liegen die beiden letzten Opfer, ein Mitarbeiter des Autohauses und ein Kunde. Der Täter liegt rund 20 Meter davon entfernt hinter einem Auto, wo er sich selbst gerichtet hat.

Neben der Absperrung steht Horst Haug vom Landeskriminalamt. Er gehört dort zu den erfahrenen Leuten. «Ich werde nie verstehen, was im Kopf eines solchen Täters vorgeht», sagt er. «Als ich heute morgen vom Amoklauf in den USA gehört hatte, war ich schon fassungslos. Und jetzt das!» Auch der Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann ist vor Ort. «Der Täter hatte Massen an Munition dabei», sagt er. «Der hätte noch ein viel grösseres Massaker anrichten können.»

Um 15.15 Uhr öffnet die Polizei die Absperrung. Im ersten Leichenwagen, der langsam davonfährt, liegt Tim K.

Unbegreiflich: In Baden-Württemberg erschiesst ein Jugendlicher 16 Menschen. (Bilder: rtr/Fabrizio Bensch)

Unbegreiflich: In Baden-Württemberg erschiesst ein Jugendlicher 16 Menschen. (Bilder: rtr/Fabrizio Bensch)

Eine Stadt unter Schock: Polizisten und Rettungskräfte bei der Albertvilleschule, an der Fassungslosigkeit herrscht. (Bilder: ky/Fabrizio Bensch)

Eine Stadt unter Schock: Polizisten und Rettungskräfte bei der Albertvilleschule, an der Fassungslosigkeit herrscht. (Bilder: ky/Fabrizio Bensch)

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