Amnesty beschuldigt Hamas

Die palästinensischen Islamisten sollen während des Gaza-Krieges Palästinenser gefoltert und hingerichtet haben. Erneuter Feuerwechsel zwischen dem Gaza-Streifen und Israel.

Susanne Knaul
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Die bewaffnete Macht der Hamas im Gaza-Streifen foltert und tötet laut Amnesty auch Landsleute. (Bild: ap/Khalil Hamra)

Die bewaffnete Macht der Hamas im Gaza-Streifen foltert und tötet laut Amnesty auch Landsleute. (Bild: ap/Khalil Hamra)

JERUSALEM. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) veröffentlichte gestern zudem einen Bericht über Verbrechen der Hamas während des Krieges. Der 46 Seiten umfassende Bericht mit dem Titel «Strangling Necks» wirft der islamistischen palästinensischen Führung im Gaza-Streifen vor, im Schatten der Kämpfe mit Israel, mit ihren politischen Gegnern abgerechnet zu haben.

«Absolut widerwärtig»

Mindestens 23 Palästinenser seien hingerichtet, Dutzende mehr entführt und gefoltert worden, viele davon gehörten der gegnerischen Organisation Fatah an. «Es ist absolut widerwärtig, wie die Hamas-Truppen die Gelegenheit erbarmungslos missbrauchten, um Rechnungen zu begleichen, während die israelischen Truppen Tod und Zerstörung über die Menschen in Gaza brachten», kommentierte Philip Luther, Direktor von Amnesty in Nahost und Nordafrika. «Im Chaos des Konflikts» habe die Hamas-Führung den eigenen Truppen «freie Hand für schreckliche Misshandlungen» gelassen. Die Aktionen, von denen «einige als Kriegsverbrechen zu bewerten sind», hätten «Rache und Terror» zum Ziel gehabt. Nicht ein einziger Täter sei bisher zur Verantwortung gezogen worden.

Arme und Beine gebrochen

Schon während des Krieges hatte die Exekution von mindestens 18 Palästinensern Schlagzeilen gemacht. Mehrere Männer waren mit Säcken über ihren Köpfen in die Knie gezwungen und auf offener Strasse erschossen worden. Die Hamas reagierte mit der öffentlichen Hinrichtung auf den Tod dreier ihrer führenden Kommandanten, die am Vortag bei gezielten israelischen Luftangriffen getötet worden waren. Die 18 Palästinenser waren indes schon lange vor dem Krieg verhaftet worden und konnten mit dem Tod der Kommandanten nichts zu tun gehabt haben. Amnesty berichtet über eines der Hinrichtungsopfer: Atta Najar war Angehöriger der Fatah-Sicherheitstruppen. Bereits im Jahr 2009 war er wegen Volk-Verrats verhaftet worden und sass seither hinter Gittern. «Seine Arme und Beine waren gebrochen», sagte ein Zeuge. «Er hatte Schlachter-Merkmale an seinem Hals und Stichwunden.»

Amnesty fordert Untersuchung

Die Menschenrechtsorganisation appelliert an die palästinensische Führung und die Hamas, eine unabhängige internationale Untersuchung zuzulassen. Bereits im März hatte Amnesty der Hamas Kriegsverbrechen vorgeworfen. In dem Bericht mit dem Titel «Unlawful and Deadly» untersuchte die Organisation die Raketenangriffe auf israelische Zivilisten sowie fehlgeleitete Raketen, die innerhalb des Gaza-Streifens zivile Opfer gefordert hatten. Über 2200 Palästinenser waren im Krieg ums Leben gekommen und 73 Israeli, die meisten davon Soldaten.

Raketen und Luftangriffe

Nur Sachschaden ist vorläufig die Bilanz eines erneuten Feuerwechsels zwischen dem Gaza-Streifen und Israel. Fünf Angriffe flog die israelische Luftwaffe in der Nacht als Reaktion auf einen vorhergegangen Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen.

Die Hamas erklärte sich diesmal nicht verantwortlich für die Raketen, die infolge interner Konflikte der radikalen Bewegung Islamischer Jihad auf Israel abgeschossen worden seien.

Der erneute Schlagabtausch war der dritte seit dem Krieg im vergangenen Sommer. Israels Regierung geht anscheinend nicht davon aus, dass nach dem jüngsten Feuerwechsel neue Eskalationen zu erwarten sind. Israel habe dennoch «nicht die Absicht, erneuten Raketenbeschuss auf seine Bürger zu ignorieren», rechtfertigte Verteidigungsminister Mosche Jaalon die Luftangriffe. Er riet der Hamas, «jeden Versuch, das Feuer auf Israel zu eröffnen, zu unterbinden».

Verstärkung gegen Palästina

Premierminister Benjamin Netanyahu, der gegenwärtig auch als Aussenminister fungiert, hat diese Woche seinen engen Vertrauten Dore Gold als Generaldirektor ins Aussenamt geholt. Der ehemalige UNO-Botschafter ist ein erklärter Gegner der Zweistaatenlösung mit den Palästinensern.