Amerikaner hinterlassen eine instabile Region

Nach fast neun Jahren Besatzung ziehen die US-Streitkräfte aus Irak ab. Das Land ist aber noch immer instabil und mit ihm die ganze Region, die – auch wegen Syrien – einem Pulverfass gleicht.

Michael Wrase
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Abzugs-Zeremonie in Bagdad. (Bild: epa)

Abzugs-Zeremonie in Bagdad. (Bild: epa)

LIMASSOL. US-Verteidigungsminister Leon Panetta ist ein Meister der Schönfärberei. «Nachdem eine Menge irakisches und amerikanisches Blut vergossen ist», sagte er in Bagdad beim Einholen der Flagge der «United States Forces in Iraq», «ist das Ziel eines Iraks, der sich selbst regieren und selbst für seine Sicherheit sorgen kann, in greifbare Nähe gerückt.» In den Talkshows arabischer Fernsehsender löste Panettas Erklärung Hohngelächter aus. Fast alle Experten waren sich einig, dass die Amerikaner Irak zerstört haben. Statt nach dem als richtig empfundenen Sturz von Diktator Saddam Hussein ein geregeltes Zivilleben zu ermöglichen, habe US-Verwalter Paul Bremer nach dem Einmarsch die Infrastruktur der irakischen Regierung, der Armee sowie der Bildungs-und Sozialeinrichtungen systematisch zerstört.

Skeptische Golfstaaten

«Damit nicht genug», empörte sich der in London lebende irakische Journalist Marwan Otaiba. Nach der Vollendung ihres Zerstörungswerkes hätten die USA den noch immer traumatisierten Irak dem benachbarten Iran überlassen. Die von Teherans Verbündetem Moqtada el-Sadr befehligte Mahdi-Miliz sei inzwischen problemlos in der Lage, Bagdad im Handstreich zu übernehmen.

Das ist übertrieben, wohl sogar falsch. Nüchtern betrachtet, haben die USA es ermöglicht, dass nach dem Sturz von Saddam Hussein, dem langjährigen Erzfeind Irans, heute in Bagdad eine von Schiiten dominierte Regierung regiert, die mit Teheran gute, wenn nicht sogar herzliche Beziehungen pflegt. Im Bagdader Parlament, bemerkte ein Kommentator des Senders Al Arabija, sässen inzwischen mehr Mullahs als in der Teheraner Majlis.

Al Arabija ist das Sprachrohr der sunnitischen Golfaraber. Diese werfen den USA vor, mit der Einführung der Demokratie der schiitischen Bevölkerungsmehrheit an die Macht verholfen zu haben. Weder in Saudi-Arabien noch in Kuwait oder auch Jordanien will man dies auf Dauer hinnehmen. Da Irak noch längst nicht allein für seine Sicherheit sorgen kann, werden die südlichen Nachbarn daher hartnäckig an der Destabilisierung des Landes arbeiten, ohne dies laut zu sagen. Damit wächst die Gefahr eines neuen Bürgerkriegs.

Unberechenbares Syrien

Die vom Technokraten Nuri al-Maliki geführte Regierung ist sich dessen bewusst. Er weiss, dass bereits vor dem Abzug der US-Armee die Karten in der Region neu gemischt wurden. Um die schiitische Regierung in Bagdad – und damit vor allem Teheran – zu schwächen, unterstützen die Saudis die syrische Opposition. Sollte dort die Diktatur von Präsident Assad durch ein sunnitisches Regime ersetzt werden, wird der Druck auf die schiitischen Regierung in Irak massiv zunehmen. Hoffen die Saudis. Maliki hat sich daher an die Seite von Assad gestellt. Keinesfalls aus Zuneigung und auch nicht, um dem vermeintlichen iranischen Verbündeten einen Gefallen zu tun.

Iraks Ministerpräsident nimmt an, dass ein Regimewechsel in Syrien nicht friedlich verlaufen wird und wie in seinem eigenen Land einen Bürgerkrieg auslösen könnte, der auf Irak übergreift. Hier haben die schwerbewaffneten sunnitischen Stämme in der Grenzregion zu Syrien bereits signalisiert, dass sie die syrische Opposition unterstützen werden; vermutlich tun sie dies bereits mit Waffenlieferungen.

Strategischer Fehlentscheid?

Vor diesem Hintergrund könnte es sich als Fehler erweisen, dass Maliki – auch auf Drängen Teherans – so vehement auf einen kompletten Abzug der Amerikaner gedrängt und ihn nun auch durchgesetzt hat. Eine robuste US-Militärpräsenz in Irak von 5000 oder mehr Elitesoldaten hätte wohl nicht nur Irak, sondern auch den gesamten Nahen Osten etwas stabilisiert. In Bagdad führt nun künftig ein anderes Land Regie – Iran.