Amerika
Schlappe für Prinz Andrew: Die Klage eines Epstein-Opfers ist zulässig, entscheidet ein New Yorker Richter

Der britische Adelige Prinz Andrew blitzt vor einem Gericht in New York mit seinem Versuch ab, die Klage eines 17 Jahre alten angeblichen Vergewaltigungsopfer abzuweisen. Nun kommt es wohl zu einem zivilrechtlichen Prozess.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Die heute 38 Jahre alte Virginia Giuffre behauptet, Prinz Andrew habe sie 2000 bis 2002 mehrmals vergewaltigt und sexuell missbraucht. Giuffre war damals noch minderjährig.

Die heute 38 Jahre alte Virginia Giuffre behauptet, Prinz Andrew habe sie 2000 bis 2002 mehrmals vergewaltigt und sexuell missbraucht. Giuffre war damals noch minderjährig.

Bebeto Matthews / AP

Die erste Runde geht an Virginia Giuffre. Der New Yorker Bundesrichter Lewis Kaplan wies am Mittwoch den Antrag von Prinz Andrew zurück, eine Schadenersatzklage von Giuffre abzuweisen. Die heute 38-Jährige hat den britischen Adeligen in Amerika zivilrechtlich verklagt. Sie behauptet, Prinz Andrew habe sie, zusammen mit dem verstorbenen Sexualverbrecher Jeffrey Epstein, vor zwei Jahrzehnten vergewaltigt. Der zweitälteste Sohn der Queen weist die Vorwürfe zurück.

Mit welchem Argument wollte der Prinz die Klage abweisen?

Giuffre unterzeichnete im Jahr 2009 ein Stillhalteabkommen mit Jeffrey Epstein. Gegen die Bezahlung von 500'000 Dollar sicherte Giuffre – deren Mädchenname Roberts lautet – dem mysteriösen Sexualverbrecher und Financier zu, auf die Einlegung weiterer Rechtsmittel zu verzichten. Von diesem Klageverzicht betroffen war gemäss dem 12 Seiten zählenden Abkommen nicht nur Epstein persönlich, sondern auch «sonst irgend jemanden, der als potenzieller Beklagter gelten könnte». Dieser Passus, behauptete Prinz Andrews amerikanische Anwälte, schliessen den blaublütigen Briten mit ein. Deshalb sei die Schadenersatzklage abzuweisen.

Prinz Andrew weist die Vorwürfe zurück.

Prinz Andrew weist die Vorwürfe zurück.

Keystone

Wie hat der Bundesrichter nun entschieden?

Richter Kaplan, im Amt seit 1994, lehnte den Antrag von Prinz Andrew vollumfänglich ab. Seine 46 Seiten lange Entscheidung beleuchtet den Vertrag zwischen Epstein und Giuffre, der bis vor kurzem geheim war, von allen Seiten. Mehrmals wies Kaplan darauf hin, dass die entscheidenden Formulierungen alles andere als «eindeutig» und «widerspruchsfrei» seien – so ist im Geheimvertrag ausdrücklich festgehalten, dass es Epstein und Giuffre untersagt war, über die Schweigegeldzahlung öffentlich zu sprechen. Wie aber hätten dann andere «potenzielle Beklagte» erfahren können, dass Epstein sie freigekauft habe, fragte der Richter rhetorisch. Weil solche Widersprüche nur im Rahmen eines Gerichtsprozesses geklärt werden könnten, bleibe ihm letztlich nichts anderes übrig, als den Antrag von Prinz Andrew abzuweisen, hielt Kaplan fest.

Hat Prinz Andrew damit den Prozess bereits verloren?

Nein, eine solche Schlussfolgerung lässt sich aus der Entscheidung Kaplans nicht ziehen. Vielmehr wies der Bundesrichter ausdrücklich darauf hin, dass er die Vorwürfe von Giuffre nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft habe; auch sei es nicht seine Aufgabe gewesen, zu erwägen, ob die Verteidigung sich im Recht befindet. In einem nächsten Schritt werden die Klägerparteien nun Beweismittel sammeln und allfällige Zeugen wie die kürzlich verurteilte Epstein-Freundin Ghislaine Maxwell interviewen. Der Prozess gegen Prinz Andrew wird frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2022 beginnen, falls sich die Klägerin und der Angeschuldigte nicht aussergerichtlich einigen.

Aktuelle Nachrichten