Amerika
Neues Trump-Buch von Watergate-Autor Bob Woodward zeigt: Armee schränkte Atomwaffen-Zugriff des Präsidenten ein

Mark Milley, der amerikanische Generalstabschef, kontaktierte im Oktober 2020 und Januar 2021 sein Gegenüber in Peking – um zu versichern, dass der damalige Präsident Donald Trump keinen Überraschungsangriff plane.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
Generalstabschef Mark Milley, hier während einer Pentagon-Pressekonferenz im September 2021, versuchte eine Kurzschlussreaktion Chinas auf die Provokationen von Präsident Donald Trump zu verhindern.

Generalstabschef Mark Milley, hier während einer Pentagon-Pressekonferenz im September 2021, versuchte eine Kurzschlussreaktion Chinas auf die Provokationen von Präsident Donald Trump zu verhindern.

Jim Lo Scalzo / EPA

Neue Enthüllung über die turbulenten letzten Monate von Donald Trump im Weissen Haus: Nach der Erstürmung des US-Kapitols am 6. Januar soll der amerikanische Generalstabschef Mark Milley geheime Vorkehrungen getroffen haben, um die rechtmässige Befehlsgewalt des damaligen Präsidenten Donald Trump über Atomwaffen einzuschränken. Das berichteten der Sender CNN und die Zeitung «Washington Post» am Dienstag unter Berufung auf ein noch unveröffentlichtes Buch, das sich auch mit dem Ende von Trumps Präsidentschaft befasst.

Der renommierte Investigativjournalist Bob Woodward und ein langjähriger Reporter der «Washington Post», Robert Costa, schreiben demnach in «Peril» (Gefahr), Milley sei nach der Erstürmung des Kapitols durch Anhänger Trumps erschüttert gewesen.

Er habe daher am 8. Januar ein vertrauliches Treffen mit den zuständigen Kommandeuren einberufen, um sicherzustellen, dass es keinen militärischen Offensivschlag ohne seine Beteiligung geben könne. «Was auch immer Ihnen befohlen wird, Sie folgen den Vorgaben. Sie folgen dem Ablauf. Und ich bin Teil des Ablaufs», soll Milley demnach gesagt haben.

Der amerikanische Generalstabschef war überdies derart über das Säbelrasseln des Republikaners besorgt, dass er sein Gegenüber in Peking klandestin kontaktierte – um eine Kurzschlusshandlung des kommunistischen Regimes zu verhindern.

In einem ersten Telefongespräch, Ende Oktober 2020, soll der Viersternegeneral Milley dem Chinesen Li Zuocheng, militärischer Befehlshaber der Volksbefreiungsarmee, gesagt haben: «Wir werden nicht attackieren oder irgendeine kinetische Operation gegen Sie durchführen.» (Zum gleichen Zeitpunkt führten die USA und Japan ein gemeinsames Manöver durch, an dem sich Zehntausende von Soldaten beteiligten.)

Im Januar 2021 habe Milley seinem nervösen Gesprächspartner dann versichert, dass die amerikanische Demokratie stabil sei und China nach dem blutigen Sturm auf das Kapitol nicht mit einem Überraschungsschlag rechnen müsse. «Wir sind 100 Prozent stabil.»

«Peril» kommt nächsten Dienstag in den US-Handel. Für sein mittlerweile 21. Werk hat der 78-jährige Woodward, der in den Siebzigerjahren dank dem Watergate-Skandal weltweit bekannt wurde, erstmals mit dem talentierten «Post»-Journalisten Costa (35) zusammengearbeitet.

Milley als Dreh- und Angelpunkt im Krisenherbst 2020

In dem 500 Seiten dicken Buch beleuchten die beiden Autoren erneut die ausserordentliche Rolle, die Milley im vorigen Herbst und Winter spielte. Obwohl er seinen Aufstieg Trump verdankte, stand der General spätestens seit den Massenprotesten im Sommer 2020 mit dem Präsidenten über Kreuz. Milley, der als ranghöchster Berater des Präsidenten keine Befehlsgewalt besitzt, stiess die Instrumentalisierung der Streitkräfte durch Trump sauer auf – so hatte der Präsident mit dem Einsatz des Militärs gegen die Anti-Rassismus-Proteste gedroht, die in einigen Städten Amerikas in Gewalt ausarteten.

Milley fasste deshalb früh den Beschluss, dass er nötigenfalls persönlich einschreiten würde, falls der Präsident aus politischen Gründen den Beschluss fällen würde, ein anderes Land anzugreifen. Der Army-General scheint noch heute überzeugt davon zu sein, dass diese Gefahr tatsächlich bestand. Auch teilt Milley die Ansicht hochrangiger Demokraten über Trumps Geisteszustand. «Madam Speaker, ich stimme Ihnen voll und ganz zu», soll Milley zu Nancy Pelosi, der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, gesagt haben, als diese über Trump ätzte: «Er ist durchgeknallt.»

Trump zu Pence: «Du warst nichts»

Woodward und Costa geben in ihrem Buch, das am Dienstag in ihrer Hauszeitung besprochen wurde, auch Einblick in die heftigen internen Debatten im Weissen Haus vor dem 6. Januar 2021. Vizepräsident Mike Pence liess damals abklären, ob er als zeremonieller Leiter einer gemeinsamen Sitzung von Senat und Repräsentantenhaus eine Handhabe besitze, die Beglaubigung des Wahlsieges von Trump-Kontrahent Joe Biden zu verhindern.

Nach mehreren Gesprächen kam der stets loyale Vize zum Schluss, dass dies nicht der Fall sei – auch weil Biden die Präsidentenwahl rechtmässig gewonnen hatte. Trump aber wollte sich damit nicht abfinden. «Ich will nicht mehr dein Freund sein, wenn du das tust», soll der Präsident zu Mike Pence gesagt haben. «Du verrätst uns.» Und dann erinnerte Trump seinen Vize daran, dass er ohne ihn immer noch in der Provinz, in Indiana, politisieren würde. «Du warst nichts.»

Das Buch beruht angeblich auf mehr als 200 Interviews, die Woodward und Costa geführt haben. Dabei sprachen sie nicht nur mit Mitgliedern der Trump-Regierung, sondern auch mit Biden-Beratern – wobei sämtlichen Gesprächspartnern versichert wurde, dass sie nicht namentlich zitiert würden. Milley scheint diese Spielregeln genutzt zu haben, um ein möglichst gutes Bild von seiner Amtszeit als Generalstabschef zu zeichnen.

Nicht nur überzieht er Trump mit scharfer Kritik und sieht Parallelen zwischen dem 45. Präsidenten, der Machtübernahme von Adolf Hitler und der russischen Revolution. Auch findet der General für seinen neuen Chef nur lobende Worte. So soll Milley im Vorfeld des Afghanistan-Rückzugs über Biden gesagt haben: «Sie haben es hier mit einem erfahrenen Politiker zu tun, der seit vielleicht 50 Jahre in Washington ist.»

Dank solchen Aussagen muss sich Milley, der seine vier Jahre dauernde Amtszeit am 1. Oktober 2019 begann, wohl vorderhand keine Angst um seine berufliche Zukunft machen. Zum republikanischen Lager in Washington hat er aber sämtliche Brücken abgerissen. So beschimpfte Trump ihn am Dienstag in einer schriftlichen Stellungnahme als Vollidioten («dumbass») und als potenzieller Landesverräter, obwohl er es doch gewesen war, der Milley zum Generalstabschef ernannt hatte – um seinem damaligen Verteidigungsminister Jim Mattis, der Milley nicht riechen mochte, eins auszuwischen.

Parteikollegen Trump warfen dem General derweil vor, ein Grundprinzip der amerikanischen Republik, die demokratische Kontrolle der Streitkräfte, verletzt zu haben – weil Milley im Gespräch mit Pelosi gesagt hatte, er werde Befehle Trumps, seinem zivilen Vorgesetzten, nötigenfalls ignorieren. Bereits forderte Senator Marco Rubio aus Florida deshalb Biden dazu auf, Milley zu entlassen.

Mit Material der dpa

Aktuelle Nachrichten