Reportage

Null Viren und null Touristen: Dieser italienische Küstenort wurde bisher vom Coronavirus verschont

Der italienische Ferienort Amalfi wurde von der Pandemie verschont. Doch die Touristen könnten dieses Jahr ausbleiben. Ein Augenschein.

Dominik Straub aus Amalfi
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Vom dunkelblauen Meer her weht eine leichte, milde Brise; über der Piazza Flavio Gioia am Hafen von Amalfi wölbt sich ein strahlender Frühlingshimmel. Doch auf dem grossen Platz, wo in dieser Jahreszeit normalerweise im Viertelstundentakt Touristenbusse ankommen, herrscht wenig Betrieb.

Amalfi und die gleichnamige Küste, die sich von Salerno im Süden über rund 50 Kilometer nach Sorrento im Norden erstreckt, ist eines der bekanntesten und beliebtesten Reiseziele ­Italiens überhaupt.

Seit 1997 zählt die einstige «Repubblica Marinara di Amalfi» mit ihren steil aufragenden Felsen,

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den pastellfarbenen kleinen Fischerstädtchen,

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der kurvenreichen Küstenstrasse,

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den zahllosen türkisfarbenen Buchten und den Zitronenhainen auf schwindelerregenden Felsterrassen zum Unesco-Weltkulturerbe.

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Das Paradies am tyrrhenischen Meer ist von der Corona-Krise mit voller Wucht getroffen worden: «Bei uns leben fast alle Familien in irgendeiner Form vom Tourismus», sagt der Bürgermeister von Amalfi, Daniele Milano: «Hoteliers, Besitzer von Restaurants, Trattorien und Bars, Bootsverleiher, Transportunternehmen, Zulieferer, Tour-Anbieter: Alle sehen sich mit massiven Umsatzeinbussen konfrontiert, oft zu 100 Prozent.»

Die Verluste gehen jetzt schon in die zig Millionen Euro; bis Ende Jahr befürchtet der Tourismusverband der Region Kampanien Ausfälle in zweistelliger Milliardenhöhe. Doch das Schlimmste an der Situation sei die Ungewissheit, betont der Bürgermeister: Zwar könnten die Hotels nun etwas früher als geplant, nämlich am nächsten Montag, wieder öffnen – aber man wisse bis heute nicht, wie und mit welchen Auflagen: Die entsprechenden Protokolle aus Rom sind nach wie vor unbekannt.

Unbekannt ist aber vor allem auch, ob überhaupt noch Gäste kommen werden, wenn die Hotels, Restaurants ihre Türen wieder öffnen: 90 Prozent der Touristen an der exklusiven Amalfi-Küste stammen aus dem Ausland. Und das ist ein grosses Problem: Im Unterschied zu anderen Tourismus-Destinationen wie Rimini, Venedig, Florenz, Rom, wo die inländischen Gäste einen deutlich höheren Anteil am Umsatz ausmachen, ist die Amalfi-Küste fast ausschliesslich auf die Ausländer angewiesen.

Den Laden öffnen: Doch werden die Leute kommen?

«Werden die Amerikaner, die Deutschen, die Australier, die Schweizer, die Österreicher, die Japaner und die Skandinavier überhaupt anreisen können und wollen? Werden die Grenzen und die Flughäfen wieder geöffnet werden – und, wenn ja, wann?», fragt sich Giovanni Di Martino, der im malerischen Positano einen kleinen Albergo und einen Wein-Laden besitzt. Di Martino beschäftigt üblicherweise elf Angestellte, im Moment «sitzen alle zuhause». Er müsste sie jetzt eigentlich darüber informieren können, wann sie wieder beginnen können, aber: «Ich weiss nicht, ob ich in diesem Jahr acht, fünf, drei – oder gar keinen von ihnen brauchen werde.» Den Albergo und den Laden in einer Woche öffnen zu dürfen, sei ja schön und gut – aber es müsse sich auch rechnen.

Auch Amalfis Bürgermeister Daniele Milano bereitet seine Gemeinde vor: Er liess vor einigen Tagen alle Plätze und Gassen seiner Stadt desinfizieren. Weil sich Amalfi an die Berghänge anschmiegt und viele Gässchen zu eng und zu steil sind, um befahren werden zu können, waren die Reinigungstrupps mit Maultieren unterwegs. Bürgermeister Milano garantiert den Gästen, dass sie sich an der Amalfi-Küste nicht mit dem Corona-Virus anstecken werden.

Auch das gehört zum grotesken Drama dieser süditalienischen Traumgegend: Obwohl die Amalfi-Küste von der Corona-Epidemie so gut wie verschont geblieben ist, kam der Tourismus auch hier völlig zum Erliegen. Null Viren – und trotzdem null Touristen.

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