Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Schlafstörungen, verändertes Essverhalten und Morddrohungen: Wie der Brexit die Briten an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt

Vielen Briten setzt das nicht enden wollende Drama um den EU-Austritt psychisch zu. Abgeordnete des Parlaments klagen über Dauerstress. Er schlägt sich unter anderem in Schlafstörungen und verändertem Essverhalten nieder.
Sebastian Borger, London
Den Biss verloren: ein Protestposter gegen das britische Parlament. (Bild: Frank Augstein/PA (London, 8. April 2019))

Den Biss verloren: ein Protestposter gegen das britische Parlament. (Bild: Frank Augstein/PA (London, 8. April 2019))

Wie gut, dass der neugotische Palast von Westminster so verwinkelt ist. Das bietet erschöpften Abgeordneten wie Andrew Percy von den Tories Schlupflöcher zum Ausruhen. Er habe da, vertraute der Abgeordnete aus dem nordenglischen Städtchen Brigg jetzt Londoner Medien an, ganz in der Nähe des Plenarsaals eine unbenutzte Abstellkammer gefunden.

«Ich mache die Tür hinter mir zu, lösche das Licht und hänge mir das Jackett über den Kopf.»

20 Minuten abschalten, das reiche schon, um die nächste Runde im Brexit-Abstimmungsmarathon aushalten zu können.

Grossbritannien macht dieser Tage manchmal den Eindruck einer Nation am Rande des Nervenzusammenbruchs. Dass seit Monaten der Streit über den besten Weg zum EU-Austritt die politische Debatte dominiert, ja monopolisiert, bringt viele Briten aus dem psychischen Gleichgewicht. «Wir sind überwiegend ein Land von Pessimisten geworden», glaubt Rosie Carter von der Lobby-Gruppe Hope not Hate nach der Auswertung zahlreicher Meinungsumfragen.

Dabei hatte der knappe Brexit-Entscheid vom Juni 2016 (52:48 Prozent) zunächst wenigstens in einigen Landstrichen für gute Stimmung gesorgt. Bewohner von Städten wie Brigg oder Boston in der Grafschaft Lincoln, in denen bis zu 70 Prozent den Austritt befürworteten, hatten sich vor 2016 als Pessimisten zu erkennen gegeben, stuften sich anschliessend aber als Optimisten ein. Das umgekehrte Phänomen beobachteten die Meinungsforscher in überwiegend EU-freundlichen Grossstädten wie Bristol oder Edinburgh.

Unsicherheit lähmt die Wirtschaft

Längst ist die Fröhlichkeit der Brexit-Befürworter verflogen. Bei den Austrittsgegnern hingegen sitzt der Unmut tief. Viele Berufsgruppen beklagen, wie stark die Unsicherheit ihre Branche lähmt und die Job-Zufriedenheit beeinträchtigt. Im Nationalen Gesundheitssystem NHS hat die Abwanderung von EU-Ausländern die Personallücken weiter vergrössert, mit entsprechender Mehrbelastung für die verbleibenden Pfleger und Ärzte. Der Immobilienmarkt ist vielerorts zum Erliegen gekommen. Unternehmer ärgern sich über die Mehrkosten durch höhere Lagerhaltung und schrecken vor wichtigen Investitionen zurück.

Die Lobbygruppe Make UK, der 20'000 Unternehmen der verarbeitenden Industrie angehören, forderte am Sonntag eine rasche Lösung des Brexit- Dilemmas. Falls Premierministerin Theresa May bis Ende dieser Woche keine Mehrheit für ihr Verhandlungspaket erziele, müsse das Land «den EU-Austrittsantrag zurücknehmen», fordert Make-UK-Geschäftsführer Stephen Phipson. Diese Möglichkeit brachte auch Rebecca Long-Bailey, die wirtschaftspolitische Sprecherin der Labour-Partei, ins Spiel. Sie gehört zum Verhandlungsteam der grössten Oppositionspartei unter Jeremy Corbyn, das seit letztem Mittwoch mit Regierungsmitgliedern über mögliche Auswege verhandelt.

Johnson: «Kapitulation»

Ein möglicher Kompromiss dreht sich um die Verankerung einer Zollunion mit der EU im eigentlichen Austrittsvertrag, der eigentlich sowohl Brüssel als auch London als nicht neu verhandelbar gekennzeichnet haben. Aus Labours Sicht reicht aber eine Absichtserklärung in der Politischen Erklärung nicht aus: Die Opposition fürchtet, die konservative Regierungspartei könnte sich zu einem deutlich härteren Brexit hinwenden, sobald May wie angekündigt im Sommer ihr Amt verlassen haben wird. Der Favorit auf die Nachfolge, Boris Johnson, bezeichnete jeden Kompromiss mit Labour am Montag als «Kapitulation».

Genau solchen Kraftausdrücken möchte eine Gruppe von rund 50 gemässigten Tory-Abgeordneten einen Riegel schieben. Zu Beginn einer Sitzungswoche, in der den Bürgern des Planeten Westminster wieder heftige Debatten bevorstehen, appellierten sie an die Kollegen, nicht zuletzt in der eigenen Fraktion, rhetorisch abzurüsten. Vor allem sei es wichtig, «alle Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg und das Gerede von Verrat und Verrätern zu unterlassen», glaubt Nicky Morgan, die Vorsitzende des Finanzausschusses.

Verglich mit Krieg gegen Nazi-Deutschland

Ähnlich argumentierte vergangene Woche auch der Leiter der Koordinatorengruppe sämtlicher Polizeiführer im Land, Martin Hewitt: «Wir sollten mit unseren Äusserungen Mass halten, um die Spannungen nicht zu erhöhen.» Das fällt vielen schwer. Der Brexit-Ultra Mark Francois hat seine harte Haltung gegenüber jedem Kompromiss mit der EU nicht nur mehrfach mit dem Krieg gegen Nazi-Deutschland verglichen. Nach einer knapp verlorenen Abstimmung zitierte er im Unterhaus auch Jesu Worte am Kreuz:

«Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.»

Als Christ habe er das gerade in der Passionszeit «zutiefst anstössig» gefunden, gab tags darauf Labour-Veteran Barry Sheerman zu Protokoll und erhielt Zustimmung von Speaker John Bercow: «Sprachliches Masshalten kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.»

Schlafstörungen, verändertes Essverhalten, Tränen im Plenarsaal – viele seiner Kollegen, lautet die Beobachtung des Arztes und Tory-Abgeordneten Phillip Lee in der «Financial Times», würden «erkennbar mit sich ringen». Andrew Percy wendet sich nach eigener Einschätzung deutlich häufiger dem Alkohol zu, was seiner ohnehin stämmigen Figur nicht guttut. Fraktionskollege Huw Merriman muss sich die Anzüge hingegen enger machen lassen: Er habe binnen kurzem zehn Zentimeter Bauchumfang verloren, berichtete der Parlamentarier der BBC und machte vor allem dauernde Beleidigungen von Bürgern dafür verantwortlich.

Morddrohungen an der Tagesordnung

Deutlich mehr als Beleidigungen müssen viele weibliche Abgeordnete ertragen. Einen Mordanschlag auf Rosemary Cooper vereitelte die Kriminalpolizei, Morddrohungen sind für exponierte Frauen wie Anna Soubry von der neuen Change UK-Partei oder Jess Phillips von Labour an der Tagesordnung. Kürzlich habe sie erstmals morgens «gar nicht aufstehen wollen», beklagt die sonst stets unverwüstlich wirkende Phillips.

Dass diese Gruppe gestresster Menschen ruhige, wohlinformierte Entscheidungen treffen könne, glaubt Doktor Lee, «das ist natürlich Unsinn».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.