«Am Rande des Abgrundes»

Fünf Israeli sind innerhalb von wenigen Tagen bei palästinensischen Angriffen ums Leben gekommen. Israels Sicherheitskräfte sperren vorübergehend für Palästinenser den Zugang zu Jerusalems Altstadt.

Susanne Knaul
Drucken
Teilen

JERUSALEM. Schwere Ausschreitungen im palästinensischen Westjordanland forderten gestern erneut Dutzende Verletzte. Mit Gummigeschossen und Tränengas versuchten israelische Sicherheitskräfte, die Demonstrationen unter Kontrolle zu bringen. Der Protest folgte der Schliessung von Jerusalems Altstadt für Palästinenser für 48 Stunden. Die Polizei verhängte das Zutrittsverbot nach dem Messerattentat am Vortag, bei dem zwei religiöse Israeli zu Tode kamen und zwei weitere Menschen verletzt wurden. Der Angreifer war von Sicherheitskräften überwältigt und erschossen worden. Die Polizei erschoss einen weiteren Palästinenser, der im Verdacht stand, einen 15jährigen israelischen Jugendlichen angegriffen zu haben.

Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu berief für Dienstagabend, gleich nach Ende des jüdischen Laubhüttenfestes, das Kabinett zu Beratungen über die Sicherheitslage ein. Schon gestern stationierte die Polizei in Jerusalem ein Sonderaufgebot von 1500 Beamten. «Kein Jude soll in Jerusalem Angst haben müssen», sagte dazu Verkehrsminister Israel Katz, auch wenn das bedeutete, dass «auf jedem Meter ein Polizist postiert und auf jedem Meter eine Überwachungskamera angebracht wird». Anwohner, palästinensische Frauen, Israeli und Touristen sind von dem Zutrittsverbot ausgenommen. Palästinensische Ladenbesitzer hatten kurz vor der Verhängung der Sperre schon einen Streik ausgerufen.

Vor den Augen der Kinder

Das diesjährige Laubhüttenfest begann letzte Woche mit dem Tod eines israelischen Autofahrers bei einem Unfall, der von Steinwürfen palästinensischer Jugendlicher auf das Fahrzeug verursacht worden war. Besonders tragisch endete am Donnerstag ein Überfall auf ein Ehepaar, das im Kugelhagel auf sein Auto vor den Augen seiner vier Kinder starb. Mit erstickter Stimme sprach der neunjährige Sohn während der Beerdigung das Totengebet für seine Eltern.

Zu besonders heftigen Ausschreitungen kam es gestern früh im Flüchtlingslager von Jenin. Kurz vor Sonnenaufgang drang ein israelisches Sicherheitsaufgebot in das Lager ein, um einen Anhänger der Hamas-nahen Kassam-Brigaden festzunehmen, was den Widerstand zumeist jugendlicher Demonstranten auslöste. Auf heftige Proteste stiessen Soldaten auch in Surda, nördlich von Ramallah, als sie das Haus von Mohannad Hallabi umstellten, der am Samstag die beiden Israeli in Jerusalems Altstadt tötete.

Angst vor weiterer Intifada

«Am Rande des Abgrundes» betitelte die liberale Tageszeitung «Haaretz» ihren Bericht über die neue Gewaltwelle. «Eine dritte Intifada ist unterwegs», schrieb die Zeitung gestern und kritisierte die Regierung, der «nach Jahren diplomatischen Nichtstuns, sinnlosen Tötens von Palästinensern, Landkonfiskation und Hauszerstörungen» nun nichts anderes einfiele als harte Massnahmen. Dazu gehört der Vorschlag, langjährige Haftzeiten als Mindeststrafe für Steinewerfer festzulegen.

Die verstärkte Sorge vor einer Eskalation im Westjordanland steht auch im Zusammenhang mit der Rede von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Er signalisierte vergangene Woche vor der UNO-Generalversammlung die Einstellung der Sicherheitskooperation mit Israel, sollte die Regierung in Jerusalem den bislang vereinbarten Friedensverpflichtungen nicht nachkommen und weitere Siedlungen auf palästinensischem Land bauen.

Die Rhetorik der Führungen verschärft sich auf beiden Seiten. Abbas, der sich gewöhnlich umgehend von Terrorattentaten distanziert, reagierte diesmal mit einem Angriff auf die israelische Regierung und kritisierte das harsche Vorgehen.

Aktuelle Nachrichten