Am Montag beginnt der «Corona-Parteitag» der US-Demokraten - die 5 wichtigsten Antworten

Höhepunkt der weitgehend virtuellen Veranstaltung: Am Donnerstag wird Präsidentschaftskandidat Joe Biden in einer Rede darlegen, wie er das tief gespaltene Land einigen würde.

Renzo Ruf aus Washington
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Die Präsidentschaftskandidat und seine Vize: Joe Biden (l) und Kamala Harris vor dem Parteitage der Demokratischen Partei.

Die Präsidentschaftskandidat und seine Vize: Joe Biden (l) und Kamala Harris vor dem Parteitage der Demokratischen Partei.

Carolyn Kaster / AP

Seit 1831 gehören sie zu den Fixpunkten im Wahlkampf um das Weisse Haus: Die Tagungen der amerikanischen Grossparteien, an denen jeweils der Präsidentschaftskandidat nominiert wird. Am Montag beginnt in Milwaukee (Wisconsin) der Democratic National Convention (DNC) – weil Amerika aber noch immer tief in der Coronakrrise steckt, wird an diesem Parteitag auf jubelnde Menschenmassen und Konfettiregen verzichtet.

1. Wie wird der erste «Corona-Parteitag» ablaufen?

Weitgehend virtuell. Auf dem Papier findet der DNC immer noch in Milwaukee, im Konferenzzentrum «Wisconsin Center», statt. Aber weder Präsidentschaftskandidat Joe Biden noch seine Wahlkampf-Partnerin Kamala Harris werden nach Wisconsin reisen. Auch den Delegierten, die formal noch beschliessen müssen, dass Biden-Harris für die Demokraten ins Rennen um das Weisse Haus steigen, wurde beschieden, sie sollten zu Hause bleiben. Die entsprechenden Abstimmungen finden virtuell statt.

Parteipräsident Tom Perez verspricht dennoch ein abwechslungsreiches Programm für die nächsten vier Tage. «Sie werden weniger Podien und mehr Menschen in Wohnzimmern sehen», sagte Perez der «New York Times». Bis am Donnerstag sind jeden Abend zur besten Sendezeit – von 21 Uhr bis 23 Uhr an der amerikanischen Ostküste (3 Uhr bis 5 Uhr Schweizer Zeit) – Reden und musikalische Darbietungen vorgesehen.

2. Wer tritt am Parteitag auf?

Die Liste der Rednerinnen und Redner umfasst gegen drei Dutzend Politiker und reicht von Alexandria Ocasio-Cortez über Hillary Clinton bis zu Pete Buttigieg. Dieses gedrängte Programm deutet darauf hin, dass den einzelnen Referenten jeweils nur einige wenige Minuten zur Verfügung stehen werden.

Jeden Abend sind aber Stargäste eingeplant. Am Montag werden Senator Bernie Sanders und Michelle Obama, Gattin des letzten demokratischen Präsidenten, mehr Zeit bekommen. Am Dienstag wird Jill Biden, die Ehefrau des Präsidentschaftskandidaten, im Rampenlicht stehen. Am Mittwoch sprechen Kamala Harris und Barack Obama. Und am Donnerstag wird Joe Biden ungefähr eine Stunde lang darlegen, warum er besser geeignet sei, das Präsidentenamt auszufüllen als Amtsinhaber Donald Trump.

3. Gibt es auch ein wenig Auflockerung?

Vor vier Jahren begeisterten Hollywood-Stars mit ihrer Interpretation des Gassenhauers «Fight Song» das Publikum am Parteitag der Demokraten in Philadelphia.

Dieses Jahr fehlen die ganz grossen Namen im Programm des DNC – vielleicht auch, weil die Organisatoren Raum für Überraschungen lassen wollen. Zugesagt haben bisher John Legend, Billie Eilish, die Country-Band «The Chicks», die bis vor kurzem als «Dixie Chicks» bekannt war, und der Rapper Common.

Der 77-jährige Biden ist musikalisch ein Traditionalist, zu seinen Favoriten gehören altgediente Rocksongs und Melodien aus bekannten Musicals. Im Wahlkampf um die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten trat er jeweils zu «We take care of our own» von Bruce Springsteen auf die Bühne. Der Song, der bereits zu den Favoriten Obamas im Wahlkampf 2012 gehörte, gilt als programmatische Hymne der Demokraten.

4. Wo werden Biden und Harris den Parteitag verbringen?

Der Präsidentschaftskandidat und seine Wahlkampf-Partnerin werden ihre Ansprachen voraussichtlich in einem Konferenzzentrum in Wilmington (Delaware) halten. Die kleine Stadt an der Ostküste ist der Wohnsitz Bidens und dient damit, seit Beginn der Coronakrise, als das inoffizielle Hauptquartier seines Wahlkampfes.

Ähnlich wie bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in einer High School in der vergangenen Woche werden Biden und Harris aber vor weitgehend leeren Rängen sprechen. Der Gouverneur von Delaware, der Demokrat John Carney, spricht sich immer noch gegen Grossveranstaltungen in geschlossenen Räumen aus. Biden sagte kürzlich, er und Harris würden erst dann wieder gemeinsam vor Wählerinnen und Wähler auftreten, wenn «die Wissenschaft uns das erlaubt».

5. Warum findet dann überhaupt ein Parteitag statt?

Eine vollständige Absage des DNC stand nicht zur Diskussion, auch weil der Parteitag notwendig ist, um das Ergebnis der Vorwahlen zu besiegeln und Biden zum Präsidentschaftskandidaten zu küren. Offen bleibt, ob das neue Format Auswirkungen auf den Rest des Wahlkampfes bis am 3. November, dem offiziellen Wahltag, haben wird.

Zum einen galten die Parteitage stets als inoffizieller Beginn der heissen Phase im Rennen um das Weisse Haus. Sie feuerten nicht bloss die Aktivisten an, auf deren Enthusiasmus jeder Wahlkampfstab angewiesen ist. Normalerweise führten sie auch dazu, dass der jeweilige Präsidentschaftskandidat in den Meinungsumfragen leicht zulegte; so sprangen vor vier Jahre die Zustimmungswerte für Donald Trump (plus 3 Punkte) und Hillary Clinton (plus 2 Punkte) in die Höhe. Zum andern hielt dieser Effekt nie lange an.

Zudem ist Amerika im Jahr 2020 ein tief gespaltenes Land. Selbst mit einer flammenden Rede könnte der Republikaner Trump, dessen Parteitag in Charlotte (North Carolina) und Washington in der kommenden Woche über die Bühne gehen wird, wohl die wenigsten Wählerinnen und Wähler von seinen Qualitäten überzeugen.

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