Kommentar

Mohammed bin Salman am G20-Gipfel: Als ob nichts gewesen wäre

Herzlichkeit statt Kritik: Am G20-Gipfel wird der eigentlich politisch schwer belastete saudische Kronprinz Mohammed bin Salman teilweise überschwänglich empfangen.

Sasa Rasic
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Natürlich hat niemand mit allzu harter und direkter Kritik gerechnet. Aber der zeitweise demonstrativ herz­liche Empfang für Saudi-Arabiens Thronfolger Mohammed bin Salman am G20-Gipfel in Buenos Aires erstaunt doch. Die Ermordung des regimekritischen Journalisten Jamal Kha­shoggi – zuvor wochenlang heiss debattiert und von praktisch allen Seiten verurteilt – scheint kein Thema mehr zu sein. Dies währenddem der US-Geheimdienst CIA aufgrund von vor und nach der Tatzeit gesendeten Nachrichten des Kronprinzen davon ausgeht, dass dieser mit «mittlerer bis hoher» Sicherheit den Befehl zur Ermordung gegeben haben soll, wie das «Wall Street Journal» berichtet.

Nicht wahrscheinlich, sondern klar verantwortlich ist der kurz MBS genannte Thronfolger für die aktuelle Krise in Jemen, welche das Flüchtlingshilfswerk UNHCR als «die grösste humanitäre Katastrophe weltweit» bezeichnet. Statt isoliert und verschämt in der Ecke sitzen zu müssen, bis die Welt den Blick auf die nächste Krise richtet, wird der saudische Prinz vom russischen Präsidenten Wladimir Putin mit klatschendem Handschlag richtiggehend kumpelhaft begrüsst. Breit grinsend tauschen sie sich aus – als ob nichts gewesen wäre. Putin und MBS haben Wichtigeres zu besprechen: Die Verständigung auf geringere Fördermengen, um den Rohölpreis zu stabilisieren. Und die Steigerung saudischer Investitionen in Russland, wie Moskau meldet. Sie hätten sich wohl genauso gut folgenlos Tipps und Tricks zur Beseitigung von Dissidenten ausserhalb der eigenen Landesgrenzen austauschen können.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman (links) mit Russlands Präsident Wladimir Putin am G20-Gipfel. Bild: Photo/Natacha Pisarenko/AP (Buenos Aires, 30. November 2018)

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman (links) mit Russlands Präsident Wladimir Putin am G20-Gipfel.
Bild: Photo/Natacha Pisarenko/AP (Buenos Aires, 30. November 2018)

Kritisch gab sich dafür Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Er soll den Einbezug internationaler Experten in die Khashoggi-Ermittlungen und eine «politische Lösung» im Jemen gefordert haben. Der Erfolg ist fraglich. Macron wirkte gehetzt und traf auf einen unbeeindruckten MBS. Mikrofone haben einen Teil des Austausches eingefangen. «Sie hören mir nie zu», sagte Macron. Der Prinz dazu: «Ich werde natürlich zuhören.»

Die Motivation vieler führender Industrienationen, dem saudischen Prinzen auf die Füsse zu treten, ist nicht vorhanden. Zu lukrativ ist Saudi-Arabien als Energielieferant und Rüstungsgüterabnehmer. Es ist wahrscheinlich, dass Gras über den Fall Khashoggi wächst und MBS seine geplante Erneuerung der saudischen Wirtschaft und Gesellschaft weiterführt.

Gut möglich, dass er dereinst als grosser Reformer gefeiert wird und ein toter Journalist nur einen verblassten Fleck auf der Weste des jung an die Staatsspitze katapultierten MBS darstellen wird. Für alle, die sich kritisch gegenüber derartiger Macht äussern wollen, lässt sich das spitzfindige Bonmot, dass alle Lebensmittel – auch vergiftete – technisch gesehen zumindest ein Mal essbar sind, adaptieren: Man darf seine Meinung unbeschwert und frei äussern – zumindest einmal.