Als Fremde in der eigenen Heimat

Diesen Monat feiern die Juden in der Schweiz das 150-Jahr-Jubiläum ihrer Gleichberechtigung als Schweizer Bürger. 1866 war jedoch erst der Anfang eines langen Weges zur realen gesellschaftlichen Anerkennung.

Hannah Einhaus
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Ein grosser Moment für die Schweizer Juden: 1993 wird Ruth Dreifuss in den Bundesrat gewählt. (Bild: ky/Alessandro della Valle)

Ein grosser Moment für die Schweizer Juden: 1993 wird Ruth Dreifuss in den Bundesrat gewählt. (Bild: ky/Alessandro della Valle)

Je hartnäckiger die Vorurteile, desto harziger der Weg zur Rechts- und Chancengleichheit. Obschon seit Jahrhunderten in der Schweiz sesshaft, blieben den jüdischen Einwohnern der Schweiz nach der Gründung des Bundesstaates 1848 die Bürgerrechte verwehrt. Ihr Wohngebiet beschränkte sich weiterhin auf die beiden Aargauer Orte Endingen und Lengnau. Stimm- und Wahlrecht sowie die Wehrpflicht blieben Männern christlichen Glaubens vorbehalten. Juden konnten keine wahren «Miteidgenossen» sein. Erst auf ausländischen Druck hin legte der Bundesrat dem Stimmvolk die Streichung des Wortes «christlich» vor. Trotz starken Widerstands von konservativen Bewegungen kam die jüdische Minderheit mit der Abstimmung vom 14. Januar 1866 zu ihren Bürgerrechten sowie zur Niederlassungsfreiheit in der ganzen Schweiz. Die vollständige Glaubensfreiheit folgte jedoch erst mit der Verfassungsrevision von 1874. Die judenfeindliche Stimmung war aber dadurch nicht einfach aufgehoben. Meist religiös motivierte Ressentiments hielten sich hartnäckig und manifestierten sich unter anderem 1893 im noch heute geltenden Schächtverbot.

Die Strategie des Stillhaltens

Ab den 20er-Jahren verbreiteten sich parallel zu den religiösen Vorurteilen neue Rassen- und Weltverschwörungstheorien, die einem säkularen Antisemitismus Vorschub leisteten. Ein starkes Zeichen setzten 1934/35 die jüdische Gemeinde in Bern und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) mit einem Prozess gegen die Verbreitung des antisemitischen Pamphlets «Die Protokolle der Weisen von Zion», in welchem sie die Behauptung einer Weltverschwörung erfolgreich als Fälschung entlarvten.

Die folgenden zehn Jahre wurden zur Nagelprobe für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden in der Schweiz. Ab 1936 galten im NS-Staat Deutschland die sogenannten «Rassegesetze»; Entrechtungen und Enteignungen folgten. Die Haltung der Schweizer Regierung gegenüber der Führung des «Dritten Reiches» war gelinde gesagt zurückhaltend. Zwar setzte die Schweizer Politik auf die «geistige Landesverteidigung», um sich von der NS-Ideologie zu distanzieren und sich als Demokratie zu behaupten. Das Ideal des trotzigen Eidgenossen war jedoch wie bereits im 19. Jahrhundert bäuerlich und christlich geprägt. Die jüdischen Gemeinden und der SIG als Dachverband entschieden sich unter der Führung des St. Gallers Saly Mayer für den Weg des Stillhaltens.

Das Los jüdischer Flüchtlinge

Die Geringschätzung der Behörden bekamen die Vertreter jüdischer Organisationen auch in der Flüchtlingspolitik zu spüren. Obschon der Bundesrat seit dem Frühsommer 1942 über die Gaskammern informiert war, galten Flüchtlinge «aus Rassegründen» nicht als asylwürdig – de facto ein Todesurteil für rund 20 000 Menschen. Für die Versorgung jener, die sich dennoch ins Landesinnere retten konnten, mussten die jüdischen Organisationen weitgehend selber aufkommen – eine antisemitisch motivierte Sonderregelung, welche die Ohnmacht der Schweizer Juden zusätzlich unterstrich. Wer sich aus humanitärer Überzeugung dennoch für jüdische Flüchtlinge einsetzte, wurde von Bern abgestraft. Zu den vorbildlichen Ausnahmen gehörten der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger und der Appenzeller Diplomat Carl Lutz. Grüninger wurde entlassen, Lutz degradiert, und beide wurden erst nach ihrem Tod rehabilitiert.

Erstmals Klartext nach 100 Jahren

Ein Umdenken der offiziellen Schweiz und der nichtjüdischen Mehrheit gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern setzte erst etwa um 1960 ein. Aus Bittstellern wurden Verhandlungspartner. Zum neuen Ansehen hatten mehrere äussere Umstände beigetragen: Nach der Staatsgründung Israels 1948 löste das Bild des wehrhaften Israeli das Image des schwächlichen Juden ab; der vom Bundesrat in Auftrag gegebene Ludwig-Bericht legte 1957 die rigide Ausweisungspolitik gegenüber jüdischen Flüchtlingen offen; der Eichmann-Prozess 1961 offenbarte das Ausmass des Holocaust, und das Zweite Vatikanische Konzil hob 1965 seinen antijüdisch definierten Absolutheitsanspruch auf.

Ermutigt und gestärkt durch diese Entwicklungen wagte im Mai 1966 der damalige SIG-Präsident Georges Brunschvig an der 100-Jahr-Feier der Emanzipation erstmals scharfe Kritik am Bundesrat. Seine Botschaft: Der Antisemitismus steht im Widerspruch zu einer demokratischen Rechtsordnung.

Etabliert mit Vorbehalten

In den folgenden 50 Jahren bis heute setzte eine weitgehende Normalisierung in der Beziehung zwischen der nichtjüdischen Mehrheit und der jüdischen Minderheit ein. Der Aufstieg in die Spitzenpositionen von Gesellschaft, Politik, Armee, Wirtschaft und Kultur ist möglich geworden. Am deutlichsten zum Ausdruck kam dies 1993 mit der Wahl der in St. Gallen geborenen Ruth Dreifuss in den Bundesrat. Mehrere jüdische Gemeinden sind heute auch öffentlich-rechtlich anerkannt. Ausgestorben ist der teils latente, teils offen ausgetragene Antisemitismus nicht. Friedhofschändungen, Sprayereien oder Übergriffe auf der Strasse zeugen davon. Im Gegensatz zu früher werden diese Akte jedoch heute von Behörden und nichtjüdischer Mehrheit verurteilt.

Wahrnehmung des Nahostkonflikts

Die Wahrnehmung des Nahostkonflikts färbt bis heute mehr oder minder direkt auf das Ansehen der Juden ausserhalb Israels ab. Zu regelrechten Euphoriewellen kam es bis zum Sechstagekrieg im Juni 1967, da die Aktivdienstgeneration Israel als wehrhaften, von Feinden eingekreisten Kleinstaat wahrnahm und Parallelen sah zur Situation der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Die durchaus kritikwürdige Besatzungspolitik Israels seither führte und führt wiederholt zu einem überzeichneten Schwarz-Weiss-Bild von Israel als Täter und Palästinensern als Opfern. Wer von jüdischer Seite ein differenziertes Bild darlegen will, wird nicht selten in die Ecke eines Regierungssprechers gestellt.

Grosse Sorge bereitet bis heute der aussergewöhnlich hohe Bedarf an Sicherheitsvorkehrungen. Trotz der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz benötigen jüdische Gemeinden und Institutionen in der Schweiz seit den 1970er Jahren aufwendige Kontrolleinrichtungen. Die Anschläge in Paris und Kopenhagen vor einem Jahr hatten und haben auch hierzulande eine Aufstockung der internen Sicherheitskräfte zur Folge. Die Unterstützung durch die öffentliche Hand ist bisher sehr punktuell geblieben.

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