«Allmacht der alten Männer»

In Japan wird morgen das Unterhaus neu bestellt. Frauen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Auch deshalb regt sich unter ihnen immer mehr Unmut über die Dominanz der Männer.

Angela Köhler
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Japans Premier Shinzo Abe. (Bild: epa)

Japans Premier Shinzo Abe. (Bild: epa)

TOKIO. Eigentlich wäre Japans Regierungschef Shinzo Abe ein Frauentyp – eloquent, relativ modern und mit passablem Aussehen. Dennoch weckt er bei Wählerinnen immer stärkeren Widerspruch, selbst wenn diese ebenso konservativ-nationalistisch denken wie er. Wie generell, haben die Frauen auch bei dieser Wahl weniger an konkreten Inhalten etwas auszusetzen, es geht ihnen mehr um ihre Lage und um eine Manifestation gegen die «Allmacht der alten Männer», wie es die Zeitung «Asahi Shimbun» nennt. «Wir haben genug von der Politik der alten Säcke», skandierten in Tokio Hunderte Frauen. «Wir werden von selbstgerechten <Ossan> regiert», wie diese Herrenriege auf Japanisch heisst, «die sich nur um ihre Belange kümmern.»

Kaum weibliche Führungskräfte

Dabei war Abe im Dezember 2012 als 63. Regierungschef mit dem Versprechen angetreten, er wolle eine Gesellschaft, in der die Frauen «glänzen» könnten. Der 60-Jährige regte eine Frauenquote an, nach der bis 2020 rund 30 Prozent der Führungspositionen weiblich besetzt sein sollen. Derzeit sind es nur gerade 3 Prozent. Nach der Erhebung des Weltwirtschaftsforums liegt Japan bei der generellen Gleichstellung von Frauen und Männern in einer Liste von 136 beobachteten Staaten auf Rang 105. Dahinter folgen alles islamische Staaten. Obwohl fast die Hälfte der Hochschulabsolventen weiblich ist, erhalten nur zwei Drittel von ihnen überhaupt einen Arbeitsplatz – und der entspricht meist nicht ihrer Ausbildung. Über 70 Prozent aller Teilzeitkräfte sind Frauen, die erheblich weniger verdienen als festangestellte Männer.

Aber obwohl Abe verbal an seinen «Womanomics» festhält, hatte er bisher keine glückliche Hand bei der Wahl von Frauen in die Regierung. Ende Oktober mussten an einem Tag zwei Ministerinnen zurücktreten. Erst trat Industrieministerin Yuko Obuchi wegen eines Spendenskandals nach weniger als zwei Monaten im Amt zurück. Kurz darauf reichte Justizministerin Midori Matsushima wegen eines ähnlichen Vergehens gegen das Wahlgesetz ihren Rücktritt ein.

Keine Gefahr für Abe

Abe habe eben kein Glück bei den Frauen, sagt man nun in Japan. Aber wirklich schaden kann es wohl weder ihm noch der Altherrengarde der regierenden Liberaldemokraten (LDP). Dabei wären die Frauen eine Macht, denn auf 100 Wähler kommen 106 Wählerinnen. Doch nur Aktivistinnen wollen verhindern, dass der Premier durch die von ihm provozierte Neuwahl mehr Macht erhält, um seine bislang wenig erfolgreiche Wirtschaftspolitik, den Neustart der Atomkraftwerke oder die Änderung der pazifistischen Nachkriegsverfassung durchzusetzen. Die Mehrheit der Frauen will maximal an der ungerechtfertigten Männerdominanz etwas ändern, kaum aber an den Grundfesten der konservativen Politik der Abe-Partei LDP. Umfragen legen nahe, dass der Regierungschef gar eine absolute Mehrheit gewinnt und damit nicht einmal mehr Rücksicht auf den bisherigen Juniorpartner Komeito nehmen muss, der den Wiedereinstieg in die Atomkraft und die Verfassungsänderung blockiert.

Nur geringe Wahlchancen

Für die zerstrittene Opposition um die Demokratische Partei (DPJ) – von der um zwei Jahre vorgezogenen Wahl unvorbereitet getroffen – können sich viele Frauen auch nicht begeistern. Die DPJ, die das Land von 2009 bis 2012 regierte, hatte mit ihrem hilflosen und chaotischen Verhalten während der Fukushima-Katastrophe 2011 jeden Kredit verspielt. Gerade bei Hausfrauen und Müttern entstand das Gefühl, von einem Haufen unfähiger Männer regiert zu werden.

Aber damit sich an diesem Zustand etwas ändert, müssten sich die Frauen selbst organisieren, fordern Aktivistinnen wie die Anwältin Keiko Ota. Noch aber sind sie weit davon entfernt. Unter den 1191 Kandidaten, die sich morgen zur Wahl stellen, treten nur 198 oder 16,6 Prozent Frauen an – meist mit geringen Chancen. Vor der Auflösung des Unterhauses betrug der Anteil der weiblichen Abgeordneten gerade mal 8,1 Prozent. Das ist in einem weltweiten Ranking Platz 118, wie das Weltwirtschaftsforum im jüngsten «Gender Gap Index» errechnete.

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