Alle gegen Hollande

Acht Monate vor den französischen Präsidentschaftswahlen hat Wirtschaftsminister Macron seinen Rücktritt erklärt. Der Jungstar der Linksregierung will Präsident Hollande herausfordern.

Stefan Brändle
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PARIS. Emmanuel Macron ist immer für eine Überraschung gut: Der erst 38jährige Wirtschaftsminister fuhr gestern nachmittag im Schiff in den Elysée-Palast, um Präsident François Hollande sein Rücktrittsschreiben zu überbringen. Natürlich wusste er, dass die TV-Kameras vor allem den Moment festhalten würden, wenn er im Ministerialboot die Seine hinabfährt. Seine Regierungskollegen mögen wie auch schon die Nase rümpfen über den ambitiösen Macron – den andern Franzosen aber bleibt von diesem Tag das Bild eines Politikers haften, der neue Wege zu begehen wagt.

Und genau darum geht es Macron: Die Demission erfolgte laut einer erfahrenen Pariser Kommentatorin «zum letztmöglichen Zeitpunkt, um noch in den Präsidentschaftswahlkampf einsteigen zu können». Offiziell ist der Starminister, der zwei Jahre im Amt war, ohne viel Bleibendes zu hinterlassen, noch nicht Kandidat. Aber sein Rücktritt als Minister kann nur dem Zweck dienen, seine Kampagne für die Präsidentschaftswahl vorzubereiten.

Mehrere Ex-Minister bereit

Eine gewisse Loyalität gegenüber Hollande hemmt den ehemaligen Protégé des Präsidenten. Doch dieser steht in den Umfragen weiterhin so schlecht da, dass er längst nicht mehr als «natürlicher» Kandidat seines Lagers gelten kann. Schon drei interne Gegenkandidaten, allesamt Ex-Minister wie Macron, haben sich Hollande in letzter Zeit zu seiner Linken entgegengestellt: die Grüne Cécile Duflot und die Sozialisten Benoît Hamon und Arnaud Montebourg.

Nun ist Hollande geradezu eingekeilt: Auf seiner Linken bedroht ihn Montebourg, der in einer geheimen, aber durchgesickerten Umfrage der Parti Socialiste besser abschneidet als Hollande; zu seiner Rechten inszeniert sich Macron, der mit seiner Bewegung «En Marche» (In Bewegung) unausgesprochen Wahlkampf betreibt.

Fürs erste hält sich Macron aber ebenso bedeckt wie Hollande. Während die wichtigsten Rechtskandidaten wie Nicolas Sarkozy, Alain Juppé oder Marine Le Pen längst feststehen, zögert Hollande, weshalb auch Macron warten muss. Sein wichtigster Vertrauter, Gérard Collomb, der Bürgermeister von Lyon, erklärte nur, dass Macron «natürlich» ins Rennen steigen werde, falls Hollande nicht zur Wiederwahl antrete. Wenn er vorsorglich schon mal als Minister zurückgetreten ist, dann auch, um Premierminister Manuel Valls zuvorzukommen. Dieser gehört wie Macron zum rechten Parteiflügel und wartet auch nur darauf, Hollande «beerben» zu können.

Und wenn Hollande antritt? Bisher hat Macron diese Frage nicht beantwortet. Bewirbt er sich dann trotzdem als wilder Kandidat, ohne an der Primärwahl der Sozialisten mitzumachen? Das würde das sichere Aus für beide und damit für die Linke insgesamt bedeuten.

Bei den Linken unbeliebt

Hollande hofft, dass sich «die Blase Macron» von selbst leeren wird, nachdem der Shootingstar seit Frühling bereits etliche Umfragestimmen verloren hat. Ohne Parteiapparat werden ihm wenig Chancen in einer wilden Kandidatur eingeräumt: Die Rechte hat ihre eigenen Kandidaten, und bei den Linken ist Macron als früherer Banker verpönt. Der Chef der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, warf Macron gestern vor, er habe sich «nicht besonders um die Franzosen gekümmert, ausser sie zu beleidigen». Damit spielte er auf einen Zwischenfall an, als der stets in Nadelstreifen auftretende Minister einen Bürger angeherrscht hatte: «Sie machen mir mit ihrem T-Shirt keine Angst. Die beste Art, sich einen Anzug leisten zu können, besteht darin, zu arbeiten.» Worauf der Angesprochene erwiderte: «Aber ich träume davon, zu arbeiten, Monsieur Macron!» Diese Szene hat Macrons Image schwer geschadet. Und daran werden auch die TV-Bilder von der Schifffahrt auf der Seine nicht viel ändern.

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