Aids – neue Risiken, neue Wege

In Wien tagt die 18. Welt-Aids-Konferenz. Sie debattiert über neue Brennpunkte der weltweiten Epidemie und über Fortschritte und finanzielle Nöte bei ihrer Bekämpfung. Prominente appellieren an die individuelle Verantwortung.

Walter Brehm
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Sparen kann tödlich sein. In Kiew demonstrieren Aktivisten gegen die Schliessung einer Aids-Klinik. (Bild: ap/Efrem Lukatsky)

Sparen kann tödlich sein. In Kiew demonstrieren Aktivisten gegen die Schliessung einer Aids-Klinik. (Bild: ap/Efrem Lukatsky)

33 400 000. Unsichtbar, aber überdeutlich prangt diese Zahl über jedem Redner an der 18. Welt-Aids-Konferenz. So viele Menschen leben laut der Weltgesundheitsorganisation WHO mit dem HI-Virus. Diese Zahl ist vielen Menschen eine abstrakte Grösse – auch deshalb, weil 22 Millionen Betroffene weit weg, südlich der Sahara in Afrika leben.

Brennpunkt Osteuropa

Doch so weit weg ist Aids nicht.

Laut dem UNO-Kinderhilfswerk Unicef breiten sich HIV-Neuinfektionen derzeit nirgends so rasant aus wie in Osteuropa – neben Rumänien und Bulgarien vor allem in den Staaten der früheren Sowjetunion. In einigen Regionen Russlands sind die Neuinfektionen seit 2006 um 700 Prozent gestiegen. Die UNO schätzt die Zahl der HIV-Infizierten in Osteuropa und Zentralasien heute auf etwa 1,5 Millionen Menschen, 2001 waren es 900 000. 80 Prozent der Neuinfizierten sind jünger als 30 Jahre.

Eine Mehrheit der HIV-positiven Jugendlichen in Osteuropa hat die Kindheit in einem Heim verlebt. Die Tradition sozialistischer Staaten, Kinder aus schwierigen Familien in eine Fürsorgeeinrichtung zu stecken, ist ungebrochen. Viele flüchten aus den trostlosen Heimen. In den 27 Staaten Osteuropas leben heute laut Unicef über eine Million Kinder und Jugendliche auf der Strasse.

Nicht wenige landen in den Fängen von skrupellosen Menschenhändlern und dann in europäischen Bordellen oder auf dem Strassenstrich – etwa am Sihlquai in Zürich.

Niemand muss an Aids sterben

An der Aids-Konferenz in Wien debattieren 20 000 Forscher, Ärzte, Politiker und Vertreter internationaler und privater Hilfsorganisationen über den Kampf gegen die Immunschwächekrankheit. Und sie können durchaus Erfolge vermelden. Immer mehr Betroffene Menschen erhalten lebenserhaltende Medikamente, kann die WHO melden.

Im vergangenen Jahr sei ihre Zahl weltweit um 1,2 auf 5 Millionen Menschen gestiegen. Gottfried Hirnschall, Leiter des WHO-Aids-Programms, sagt: «Dies ist die bisher stärkste Zunahme in einem Jahr.»

Bernhard Hirschel, Leiter der Abteilung Aids/HIV im Kantonsspital Genf, kann konkretisieren: «An Aids muss in der Schweiz niemand mehr sterben.

HIV-positive Patienten, die rechtzeitig mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden, erkranken heute nicht mehr an Aids.» Aber was heute für praktisch alle Industrienationen gilt, gilt noch lange nicht für Afrika oder Osteuropa. Nicht fünf, sondern über 33 Millionen Menschen bedürften der medikamentösen Behandlung.

Mehr Geld und mehr Effizienz

Dazu nimmt am Rednerpult in Wien auch internationale Prominenz aus Politik und Wirtschaft kritisch, aber auch selbstkritisch Stellung. Der frühere US-Präsident Bill Clinton sagt: «Die Aids-Bekämpfung ist global in einer prekären finanziellen Lage.» Er ruft die Geberländer auf, sich nicht hinter der Finanzkrise zu verstecken.

Dann merkt Clinton aber an: «Das Grossartige ist, dass ich nicht mehr Präsident bin. Ich kann sagen, was ich für notwendig halte.» Und was er für notwendig hält, richtet sich nicht nur an die Geberstaaten. «Öffentliche und private Organisationen der Aids-Hilfe müssen überprüfen, ob sie das Geld, das sie bekommen, auch effizient einsetzen.» Zu viel Geld gehe in Infrastrukturen verloren. Und Clinton kritisiert auch die Empfängerländer.

«Zu viele Länder geben zu viel Geld aus, um zu viele Leute mit zu vielen Flugzeugen an zu viele Treffen zu fliegen, an denen über Aids geredet wird.»

Clinton richtet sich zur Bekämpfung der Finanzmisere in der internationalen Aids-Hilfe nicht nur an Regierungen. Er weist auf die Rolle privater Spenden hin. «Eine grosse Zahl von Menschen können mit kleinen Summen Grosses erreichen.» Aber das System privater Spenden könne man ausweiten.

Der Ex-Präsident hat konkrete Vorschläge: «Veranstalter könnten auf Tickets für kulturelle oder Sportveranstaltungen kleine Beträge für die Aids-Hilfe erheben. Dasselbe könnten Fluggesellschaften tun, die ja auch Touristen in schwer betroffene Länder transportieren.»

Hilfe ersetzt Prävention nicht

Auch der IT-Milliardär und Microsoft-Mitbegründer Bill Gates spricht in Wien über die Finanznöte der Aids-Hilfe.

Seine Bill & Melinda-Gates-Stiftung hat nach eigenen Angaben seit 2000 22,8 Milliarden Dollar in Gesundheitsprojekte gegen Aids, Malaria und Tuberkulose investiert. Er verweist darauf, dass Prävention, gerade wegen der Erfolge mit Medikamenten in den Hintergrund zu rücken droht. «Prävention ist billiger als Therapien nach einer Infektion.» Gates wirbt für die Vorhaut-Beschneidung bei Männern. Damit lasse sich das Risiko einer Infektion um bis zu 60 Prozent reduzieren.

Aids-Hilfe braucht viel Geld. Dieses Geld muss nicht nur von Regierungen kommen. Zudem ist Prävention billiger als Behandlung. Prävention ist aber auch eine individuelle Verantwortung.